Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

17.11.2019

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst
Liegnitz, Liebfrauenkirche, 13:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus C

Eingangslied EG 149 Es ist gewisslich an der Zeit
Predigtlied EG 401 Liebe, die du mich zum Bilde
Nach Predigt Orgelmusik
Lied EG 233 Ach Gott und Herr
Schlusslied EG 85 v.9 Wenn ich einmal soll scheiden

Hymne GG Ich bete an die Macht der Liebe

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober

Orgel:
Artur Piwkowski, Sub-Organist


Johannes 16,33

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!

Wir erinnern uns heute an die Soldaten, die in egal welchem Krieg gefallen sind. Natürlich in Europa denken wir heute an alle Opfer der beiden Weltkriegen.

Wir gedenken heute auch des ersten Pfarrers der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Breslau-Zimpel, Feldprediger Joachim Bunzel, gefallen am 16.09.1939 an der Bzura als Hauptmann u. Batteriechef. Sein Bruder, Ulrich, der in der Maria-Magdalena amtierte, hatte schon die Predigt für das bald kommende Erntedankfest fast fertig.

Die Nachrichten von der Front in Polen wanderten in der Kriegszeit recht lange. Als die Gustav-Adolf Kirche schön für das Fest der Dankbarkeit schon geschmückt worden war, kam die Nachricht. Aus einem freudigem Gottesdienst wurde eine Trauerfeier. Ich, ein ehemaliger Feldprediger und Oberst der Reserve, wohne mit meiner Familie in dem Pfarrhaus in dem Joachim Bunzel auch gewohnt hat.

Zweite Geschichte. Am vergangenen Freitag waren Schwester Lidia und ich in Zerbst um Pastor Heinz Lischka zu besuchen. Es war eine schöne Zeit ihn wieder zu sehen. Mit 91 ist er noch sehr lebendig, klar im Kopf, natürlich nicht so schnell wie früher, aber immer noch sehr freudig.

Die Geschichte des Krieges lässt ihn nicht los. Von einem Hitlerjungen, über den Dienst in einer SS-Kampfgruppe Böhmen – Mähren ist er gefangen genommen worden und landete tief in der Sowjetunion in einem Lager am Schwarzmeer. Dort, in einer Bibelstunde hatte er seinen Konfirmandenspruch gehört. Das war der Anfang.

Wie Martin Luther hatte er dort im Gefangenenlager Gott geschworen: wenn ich lebendig nach Hause komme, werde ich das Evangelium predigen. Er ist eines Tages doch frei, aber Breslau und Schlesien waren nun in Polen, was natürlich kaum zu fassen war. So musste Heinz Lischka weiter und ist nach Zerbst gewandert und dort lebt er bis heute.

Tausenden Menschen hatte er seine Geschichte erzählt, nichts wurde verschwiegen. Auch eines Tages hier in Breslau in der St. Augustinus-Kirche die damals 100 Jahre alt war. Der Abt der Kapuziner wollte einen Zeitzeugen haben der etwas Interessantes von der Geschichte der Kirche erzählen sollte. In dieser Kirche wurde Heinz Lischka konfirmiert, aber die Gedanken waren schon damals bei einem anderen Herrn.

Die Kirche war voll wie bei einem wichtigen Kirchenfest. Als seine Erzählung zu Ende war, herrschte in der Kirche so eine Stille, dass man eine Gänsehaut bekam. Nach gut einer Minute gab es Beifall, Menschen kamen zu Heinz Lischka, umarmten ihn, wie sie nur konnten sprachen sie ihm die Worte der Dankbarkeit aus. Die befreiende Kraft der Wahrheit!
Wer nicht in der Wahrheit lebt, der lebt in Angst, dass die Wahrheit eines Tages entdeckt wird. Heinz Lischka lebt ruhig und warte auch getrost auf den letzten Tag seines Lebens wenn er vor seinem Herrn Jesus stehen wird.

In der Welt habt ihr Angst, aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden.

Das deutsche Wort Angst und das Wort eng kommen von derselben Wurzel. Es gibt eine Herzkrankheit namens Angina pectoris. Enge der Brust muss man sie übersetzen und diese Enge der Brust bereitet Angstzustände.

Auch sonst erleben wir: Wer in die Enge getrieben wird, schlägt in der Angst um sich. Wenn die Zeit eng wird, kommt Lebensangst auf, die Angst z. B. etwas zu versäumen. Wieviel angstmachende Gewalt entspringt der Enge des Denkens, eingeengter Wohnsituation, der Enge unserer Zukunftshoffnung.

Wer uns die Angst nehmen will, muss deshalb die Enge unseres Lebens bekämpfen. Vielleicht verstehen wir Jesu Worte besser, wenn wir übersetzen: In der Welt habt ihr Angst, ist euch eng oder macht ihr es euch gegenseitig eng, aber sei getrost, ich habe die Welt geweitet, ich habe die Enge aufgerissen.

Siegfried, aus der Nibelungensage, suchte in seiner Angst einen Schutzpanzer, die Hülle der Unverletzlichkeit anzulegen. Aber solch ein Panzer schnürt ein, macht eng und einsam und fördert dadurch die Angst. Jesus dagegen sagt: Seid getrost, ich mache das Leben auf. Der Gewinn ist Leben die Fülle, freies Leben. Der Preis dafür aber ist die Verwundbarkeit.

Jesus hat sie selbst erlebet. Am Abend seiner Verhaftung hatte er im Garten Gethsemane große Angst vor allem, was weh tun wird. Aber er hat sein Leben geweitet durch das Gebet: „Nicht wie ich will, sondern wie Du willst“. Das waren seine Worte. Das Gebet ist ein Mittel gegen die Angst, weil es die Enge sprengen kann.

Wenn Christen den Volkstrauertag begehen, dann besinnen sie sich auf Jesus und setzen sich mit ihrem Denken und Leben dafür ein, dass letztlich Jesu Erbe stärker ist. Denn Jesus wollte nicht nur Ruhe, er wollte Frieden – und das ist ein Riesenunterschied.

Amen!