Gedenktag der Entschlafenen

3.11.2019

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst
Liegnitz, Liebfrauenkirche, 13:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus A

Eingangslied EG 150 Jerusalem, du hochgebaute Stadt
Predigtlied EG 227 Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben
Nach Predigt Orgelmusik
Beichte EG 154 Herr, mach uns stark
Schlusslied EG 113 O Tod, wo ist dein Stachel nun?

Hymne GG Ich bete an die Macht der Liebe

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård, Musikdirektor und Organist


Johannes 5, 24-29

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!

Als wir noch Kinder waren, gab es Plattenspieler wo sich eine schwarze Platte gedreht hat und die Musik zu hören war. Es gab kleine und größere solcher Platten, die sich mit konkreten Geschwindigkeit drehen mussten. Die großen Platten hatten die Geschwindigkeit 33, die kleinen 45.
Oft, um Spaß zu haben, ließen wir die großen Platten mit 45 Umdrehungen laufen, das sehr lustig war, weil die Musik damit viel schneller wurde und mit viel höheren Tönen zu hören war.

Ich denke wir würden nie eine Eintrittskarte zu einem Konzert kaufen wo zu lesen wäre: „Liebe Freunde der Musik! Um Ihre Zeit zu sparen wird ein Requiem von Mozart zweifach so schnell heute in der Philharmonie gespielt”. Auch eine CD Box mit solcher Information würden wir sicher nicht kaufen.

Die Komponisten haben grundsätzlich zu jedem Werk auch das Tempo vorgemerkt in dem das Ganze vorgetragen sein sollte. Das Tempo definiert in dem Fall die Zeit, die nötig ist, die ganze Komposition zu präsentieren.

Diese Behauptung führt uns zu dem Gedanken, dass es nicht falsch wäre, unser Leben mit einem Musikstück zu vergleichen. Beide haben einen Anfang und ein Ende, beide unterliegen dem universalen Zeitverlauf, das bedeutet: wenn wir ein Musikstück 4 Minuten genießen, verlaufen auch genau 4 Minuten unseres Lebens.

Bei den neueren CD Geräten gibt es auch eine „Random” Funktion. Also ich muss nicht alle Lieder von 1 bis 15 nacheinander hören, sondern zufällig wählt das Gerät zuerst z. B die Nr 5. dann 10, dann 3 usw. wie. Mit einer Auswahl Lieder eines Autors oder Sängers ist das noch zu schaffen, aber bei einer Sinfonie oder einem Quartett wird es die ganze Musik durcheinander bringen.

Warum erzähle ich das Ihnen? Weil die christliche Identität so sehr auf die Begegnung mit Gott angewiesen ist und auf die Begegnung mit Gott hofft, der in Bewegung ist. Die ganze Bibel ist voll von Erzählungen von Begegnungen von Menschen und Völkern mit Gott, und diese Erzählungen sind vol Bewegung, haben ihr Tempo, ihre Zeit, die konsequent verläuft.

Wenn wir diese Geschichten auch schon mehrmals in unserem Leben gehört haben, dann lassen wir sie uns immer genau so erzählen: von Anfang bis Ende.

Genau das hat die christliche Kirche von Anfang an gut verstanden, deswegen spielt ausgerechnet die Musik eine so wichtige Rolle in der Liturgie, in der sich von Sonntag zu Sonntag konkrete Stücke der Liturgie wiederholen und an gleicher Stelle gesungen werden. Das hat dazu geführt, dass es später zu einem Liturgischem Kalender kam, in dem uns die Kirche wieder konsequent an die wichtigsten Feste der Kirche erinnert und feiern lässt.

Besonders in der Karwoche sehen wir den ungebremsten Zeitverlauf des Leidens und Sterbens Jesu. Diese Geschichte ist voll Bewegung, die Beziehungen und Perspektiven ändern sich rasch, aber diese Geschichte können wir nicht beschleunigen oder bremsen, wir können diese auch nicht „random” (zufällig) erleben. Nein, es gibt zuerst den Verrat, dann die Gefangennahme, das Gericht, die Kreuzigung, Auferstehung und die gloriose Himmelfahrt.

Es ist unmöglich, diese Geschichte durchzugehen und dabei Zeit zu sparen und bei der zufälligen Auswahl anzuhalten. Der Prozess wird zur Kontemplation genutzt, um sie mit Realitäten zu speisen, die unser Leben, unsere Zeit und unsere Geduld erfordern, damit wir verändert, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe gestärkt werden

Heuet, vielleicht mehr als sonst, spüren wir den Verlauf der Zeit. Ich denke jeder von uns hat nicht nur einen Punkt in der Vergangenheit, ab dem wir die vergangene Zeit messen und sagen:
es sind schon 4 Jahre seit mein Bruder durch einen Unfall gestorben ist. Vor mehr als 20 Jahren habe ich meinen Vater das letzte Mal gesehen, meine Mutter treffe ich auch nicht mehr in dieser Welt.

Der Tag heute nennt sich Gedenktag der Verstorben. An diesem Tag erinnern wir uns an die, die nicht mehr mit uns sind. Das Gedenken kann verschiedenen Farben haben: Traurigkeit, Dankbarkeit, Schmerz, Enttäuschung, Unsicherheit. Dem Leben unserer Lieben dürfen wir „random” gedenken, in dem wir uns an verschiedene Momente erinnern lassen – hoffentlich in Liebe und Dankbarkeit, dass sie mit uns einen Abschnitt auf Erden gegangen sind. Unser Leben aber geht nicht „random”

Bei diesem Gedenken der Verstorbenen entdecken wir auch uns. Heute sehen wir manche Ereignisse anders. Vielleicht war die Hand des Vaters damals für uns zu hart, die ständige Ermahnungen der Mutter nicht mehr ertragbar, aber heut sind wir dafür dankbar.

Wir entdecken heute vielleicht aufs Neue, dass wir die Zeit unseres Lebens nicht beschleunigen oder ausbremsen können. Ausbremsen würde heute bedeuten: die anvertraute Zeit achtsam zu nutzen. Wir dürfen unser Leben auch nicht „random” leben. Paulus sagt: als ich ein Kind war. da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war”.

Noch wichtigere Worte sagt Jesus in dem Evangelium nach Johannes: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen”.

Diese und weitere Worte aus diesem heutigen Predigttext sind nicht ganz einfach und lassen sich in mehreren Richtungen auslegen. Es kann auch so sein, dass manche Auslegungen falsch werden, weil wir Menschen eigentlich das Wort des ewigen Gottes auslegen und dürfen dabei auch falsch liegen. Jesus hatte of seine Jünger gefragt: versteht ihr was ich sage? Die Antwort war oft: nein!

Es geht auch heute nicht darum ob diese oder jene Auslegung richtig oder falsch ist. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass wir Wort Gottes gehört haben und was dieses Wort in unserem Leben bewirken wird. Alles andere, auch unseren Verstorbenen, dürfen wir ruhig Gott überlassen.

Amen!