6. Sonntag nach Trinitatis

28.07.2018

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Lutherische Heilige Messe

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus C

Introitus EG 165 Gott ist gegenwärtig
Graduale EG200 Ich bin getauft auf deinen Namen
Predigt EG 250 Ich lobe dich von ganzer Seelen

Nach Predigt Orgelmusik
Offertorium EG 218:5,6 Jesu, meine Lebenssonne
Schlusslied EG 162 Gott Lob, der Sonntag kommt herbei

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård,  Musikdirektor u. Organist


1. Petrus 2,2-10

Liebe Schwestern und Brüder!

Milch zum Wachsen, schon geschmeckt, dass der Herr gut ist. Er ist auch wie ein Stein. Er ist ein Stein Gottes. Stein Gottes – so ist der Name Gottstein entstanden. 

Ihr – also wir – sind lebendige Steine, diese Steine bauen ein geistliches Haus – durch die heilige Priesterschaft zu opfern geistliche Opfern. Diese Opfer sollen Gott gefallen – obwohl er sie nicht braucht – wenn wir sie bringen durch Jesus.

Es ist etwas kompliziert, aber wenn man etwas sich anstrengt und etwas tiefer nachdenkt, werden die Worte aus dem Predigttext  verständlicher.

Und weiter schreibt Petrus, dass der kostbare Eckstein, in Zion auf  Gott gelegt ist. Er kündigt eine neue Zeit an. Zu diesem Eckstein sollen wir kommen und an ihn glauben.

Was möchte uns Petrus eigentlich sagen? Ich versuche es Ihnen jetzt klar zu machen wie ich es verstehe. 

Also alle prophetische Reden im Alten Testament betreffen immer zuerst das Volk Israel. Dieses Volk Israel kann nur in dem Land ein Volk  sein, das wir Israel oder Jerusalem nennen. Außerhalb dieses Landes sind die Juden immer im Ausland. Die Hoffnung im Alten Testament ist keine abstrakte Hoffnung. Sie betrifft immer zuerst das Volk, das in dem versprochenen Land wohnt und die Stadt Jerusalem aufbaut.

Auch wenn der Tempel nicht so prachtvoll wie der von Salomo ist, so steht er doch in ihren Land. Deswegen trennen sich die Juden und auch fromme Christen mit dem Spruch: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Die wichtigste Hoffnung, die stärkste Liebe und der stärkste Glaube ist mit der aufgebauten Stadt Jerusalem verbunden. Erst dann darf man manche Reden im Alten Testament für die ganze Menschheit ausdehnen.

Und eines Tages umweit von Jerusalem kommt Jesus in die Welt. Joseph Ratzinger schreibt: es ist ein Ende des Tempels im Sinne des Alten Testament. Auch wenn die Tempel da ist oder  eines Tages sein wird, es werden keine Tiere mehr geopfert.

Gott vergisst sein Volk nicht, aber dieser Jesus redet doch anders als die Propheten. Er kassiert nicht die Reden von Jeremia, Jesaja oder Nehamia. Jesus kassiert auch nicht die Vergangenheit des Volkes als hätte sie nie gegeben.

Jesus, ein lebendiger Stein Gottes, sagt von Anfang an klar und deutlich, dass wir die Vergangenheit nicht vergessen sollen – das wäre tödlich – aber auch nicht ständig beweinen. Ein neues Volk Gottes kann nur ein neues Volk Gottes sein, wenn die bittere Vergangenheit in der Gegenwart verarbeitet und vergeben wird. So kann etwas Neues entstehen, was Petrus ein geistliches Haus nennt.

Ich denke, wenn wir ein geistliches Haus miteinander bauen können, so werden wir auch in der Lage sein wirklich neue Häuser für die Zukunft zu bauen.

Wenn wir begonnen haben, uns selbst zu verstehen, müssen wir die Notwendigkeit erkennen, individuelle und kollektive Erinnerungen zu bewahren. Auf diesem Boden – und nirgendwo sonst – kann der Wiederaufbau beginnen.

Wo trifft sich der auferstandene Jesus mit seinen Jüngern. In dem Saal oben, in Galiläa, auf dem Berg, am Seeufer. Alle Ereignisse nach der Auferstehung erinnern uns, und vor allem die Jünger, und lenken unsere und ihre Aufmerksamkeit in die gleiche Richtung – Rückkehr. Er trifft sich mit den Seinen dort wo er sie schon früher getroffen hat und erinnert sie daran: hier habe ich euch berufen, hier habe ich mit euch gegessen, hier haben wir 5000 Menschen satt gemacht, hier haben wir das letzte Mahl gegessen, hier habt ihr mich verraten und verlassen.

Das dreimalige „ich kenne diesen Mann nicht” von Petrus wurde durch das dreimalige „Herr, ich liebe Dich” ausgeglichen und er wurde erneut entsendet. Wie damals auf dem Hof des Palastes des Erzpriesters, auch jetzt am Ufer ist das Lagerfeuer zu sehen und in dem griechischem Text wurde das gleiche Wort nur in diesen beiden Fällen benutzt.

Hätte Jesus ihnen gesagt: ich habe alles schon vergessen, so wäre es eine billige Gnade. Da könnten die Jünger einfach zu ihm sagen: Ah, da bist du wieder da. Komm, setz sich die zu uns, wir haben noch ein Bier für dich.

Rückkehr zu der schmerzhaften Vergangenheit in der Anwesenheit des lebendigen Gottes schafft ein neues Volk. Ein Volk entlastet von der Vergangenheit, die nie vergessen wird, aber auch nicht mehr belastet ist. Eine geheilte Vergangenheit. Eine Zeit in der neue geistliche und gemauerte Häuser gebaut werden dürfen.

Wie in der Tradition von AA. Ich bin ein Alkoholiker, aber ich trinke nicht mehr. Die Garantie dass ich nicht mehr trinke ist die bittere, schwere, aber geheilte Vergangenheit.

Gott ist treu. Seine Hand selbst wird eines Tages den goldenen Faden seiner Führung in allen unseren Erfahrungen enthüllen. Es ist die Führung der Liebe, des Bundes, der Treue und so wird er unsere Gedanken in die Zukunft steuern. Auch wenn es um die Zukunft der Kirche, unserer Gemeinde oder unseren Familien geht. Genau so ist es, wenn ich mich frage: wie wird mein Leben weiter verlaufen? In der Zukunft werden durch den lebendigen Stein, Jesus Christus, alle unsere Ängste und Erinnerungen verwandelt und geheilt.

Unser Land, Erde, Heimat, unser elendes, beflecktes Leben – das sind die lebendigen Steine des göttlichen neuen Jerusalem. „So wird der allmächtige Herr allen Völkern Gerechtigkeit und Herrlichkeit bringen“ (Jesaja 61,11). – die Ruinen unserer Geschichte von Grund auf neu aufzubauen, egal wie oft wir besiegt werden. Gott baut eine ewige Stadt, in der die Hochzeit von Himmel und Erde gefeiert wird.

Ihr seid das neue Volk Gottes

Amen!

Pfr. Andrzej Fober
Propst