6. Sonntag der Fastenzeit – Palmarum

14.04.2019

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus A

Eingangslied EG 14 Dein König kommt in niedern Hüllen
Predigtlied EG 83 Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
Nach Predigt Orgelmeditation
Lied (Beichte) EG 86  Jesu, meines Lebens Leben
Schlusslied EG 88:1 Jesu, deine Passion

Hymne GG Ich bete an die Macht der Liebe

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Artur Piwkowski, Sub-Organist


Jesaja 50, 4-9

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!

Erneut erreicht uns das Wort eines Propheten. Ein achtsamer Leser der Bibel hat sicher nicht nur ein Mal bemerkt, dass es mit den Propheten oft so ist, dass Gott sicher gehört hat, was sie predigten, es stellt sich nur die Frage, ob die Propheten auch immer Gottes Wort gehört habent. Die Hauptaufgabe eines Propheten ist ein achtsames Hören auf das was Gott sagt, um dann das weiter zu predigen, was sie gehört haben.
Dieses Zuhören kann die Form annehmen, auditive oder visuelle Anreize von Gott zu empfangen, manchmal in sehr genauen Worten, manchmal in Träumen und Symbolen, die interpretiert werden müssen. Die entscheidende Frage wäre ob diese Worte, Visionen und Anregungen wirklich von Gott stammen oder ob es nur Projektionen der Fantasie des Propheten, des Pfarrers, des Bischof oder des Papstes sind.

Was wir nicht vergessen sollen ist die Tatsache, dass die Worte des Propheten, der meint im Namen Gottes predigen zu dürfen, die Zukunft des ganzen Volkes beeinflussen kann. Nur die Propheten, die im Rat des Herrn gestanden haben, die sein Wort gesehen und gehört haben, sind legitimiert das Wort zu predigen.

Stattdessen erleben wir seit Generationen selbsternannte Propheten die nur eigene Ideen verbreiten und die Völker in die Irre führen. Wir sollen besonders achtsam und misstrauisch sein gegenüber Propheten die nur das sagen, was wir gerne hören. Stroh und Weizen mögen ähnlich aussehen doch nur das eine nährt uns. Es braucht manchmal einen genaueren Blick, um den Unterschied zu sehen.

Das Wort Gottes kann heftig wie Feuer sein oder zerstörerisch wie ein Hammer. Es ist keine einfache Sache.

Also die Frage lautet: kennst Du Gott gut genug um ruhig entscheiden zu dürfen welches Wort eine Nachricht von Gott ist und welche nicht? Jetzt, da Gott seine Gaben in seiner ganzen Kirche ausgeschenkt hat, könnte ein Prophet oder eine Prophetin Mitglied Ihrer eigenen Gemeinde oder Familie sein. Wenn Du Gottes Wort hörst und öffnest deinen Geist und Träume für ihn, dann kannst Du ein Prophet sein.

Es geschieht immer unerwartet und alle Propheten waren über die Berufung Gottes überrascht. Manche wollten überhaupt nicht im Namen Gottes predigen, weil sie vermuteten, dass es eine riskante Sache sein kann.

Der Prophet Jesaja ist gegangen. Gott hatte ihm eine Zunge gegeben immer richtige Worte finden zu können und weckte ihm jeden Morgen das Ohr. „Er weckt mir das Ohr, alle Morgen, dass ich höre, wie Jünger hören”.

Ja, liebe Gemeinde, egal wie alt oder wie jung wir uns heute fühlen, wir sind immer in der Schule Gottes. Wir sollen so bereit sein zu hören wie die Jünger in der Schule. Es tut mir sehr leid, dass ich die Worte heute zu Euch predige wenn die Schulen in Polen streiken. Ich hoffe die Schüler werden bald wieder in die Schulen zurückkehren um weiter Wichtiges zu lernen.

Wenn wir aber zurück zu dem Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja kehren, dann merken wir, dass diese Worte uns ein anderes Bild vor Augen bringen. „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel”.

Es erinnert uns an das Leiden Jesu, die Szene als Jesu vor Pilatus geführt wurde, Er wurde ausgelacht, gefoltert, geschlagen. eine Dornenkrone wurde auf seinen Kopf gesetzt.

Es sind Bilder und Worte die wir nicht gerne sehen und hören möchten. Warum? Die Antwort ist einfach. Auch wenn wir uns mit allen Kräften von den Ereignissen der Karwoche distanzieren möchten spüren wir früher oder später: bei der Fußwaschung, beim Einzug in Jerusalem, beim Verhör Jesu durch Caiphas, auf dem Weg nach Golgatha, am Kreuz, dass wir uns irgendwo dort befinden, uns dort doch entdecken. Vielleicht nicht in der ersten Reihe derer die Jesus anklagen und sich lustig über ihn machen. Vielleicht sind wir doch wie der Zöllner Zachäus eines Tages, versteckt hinter den Zweigen eines Baumes wollte er Jesus von der Entfernung aus kennenlernen.

Die Geschichte der Karwoche wird uns nichts sagen wenn wir sie nur von der Entfernung betrachten werden, als ein altes, historisches Ereignis.

Es geht nicht so. Wir werde nie eine enge Gemeinschaft mit Jesus schließen können wenn wir ihn nur von der Entfernung aus betrachten werden, wenn wir keinen Platz für uns in der Geschichte seines Leidens und Sterbens für uns reservieren. Wir werden keine Gemeinde mit unseren guten Ideen und Visionen beleben können wenn wir ständig fern bleiben und sie nur kritisieren.

Die Geschichte der Karwoche geht weiter und erreicht uns ständig. Es ist eine Geschichte der Liebe, des Vertrauens, der Hinwendung aber auch des Verrates, der Verleumdungen, des falschen Zeugnisses. Das alles und vie lmehr finden wir dort und das predigen wir.

Aber was wichtig ist: Kein wahrer Prophet wird seine Predigt milder und süßer machen nur um die menschlichen Erwartungen zu erfüllen. So sind wir auch nicht in der Lage die Geschichte Jesu auf Erden süßer zu machen. Er hat unseretwegen gelitten, dass wir frei werden dürfen, frei zur Wahrheit, frei zur Reue, frei zur Buße und frei zur Vergebung.

Die Fastenzeit ist eine Zeit des Hörens, wie die Jünger hören. Dann bekommen wir eine Zunge zum Sprechen und Reden und diese Rede wird dann wie ein mildes Wetter, feucht und warm, wo alles wachsen und aufblühen wird.

Amen!

Pfr. Andrzej Fober