3. Sonntag der Fastenzeit – Oculi

17.02.2021

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00, Wortgottesdienst

1–535 – Evangelisches Gesangbuch
550–627 – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium Zyklus B

Eingangslied   397 v.1+2 Herzlich lieb hab ich dich, o Herr
Predigtlied   76 O Mensch, bewein dein Sünde groß
Nach Predigt   616 Steh mir vor Augen
Schlusslied   601 Heilger Herre Gott

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård, Musikdirektor und Organist


Eph 5,1-2(3-7)8-9

Liebe Gemeinde!

Zu Beginn des heutigen Predigttextes gibt Paulus Anweisungen an die Gemeinde in Ephesus, wie ein Christ leben soll.
Er beginnt den Brief mit den Worten „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat …“
Er spricht uns Christen zu, dass wir „geliebt“ sind und macht uns Mut, ja mehr noch, traut uns zu so zu lieben, wie Christus geliebt hat.

Aber dann geht es los: Eine Predigt, eine Gardinenpredigt, was ein guter Christ alles nicht darf und stattdessen soll:
Keine Habgier, keine Unzucht, keine Unreinheit, keine närrischen Reden, sondern Dankbarkeit.
Vorsicht vor Verführung, mit Menschen, die sich nicht an die Regeln halten soll man nicht befreundet sein …. Usw.

In meinem Kopf entsteht sofort das Klischee des spaßbefreiten, sich kontrollierenden in geduckter Haltung laufenden, unmodisch angezogenen evangelischen Pfarrers.
Nach diesen Anweisungen für Christen in einer überbordenden, lebendigen, kultverschriebenen, lasterhaften Hafenstadt, nämlich Ephesus, steht in Vers 15-17 Zeilen, die mich bewegen:
So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, 16 und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. 17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.

Eine merkwürdige Formulierung: Kauft die Zeit aus. Im ersten Moment dachte ich natürlich an: Carpe diem – nütze den Tag. Das ist sicherlich kein schlechter Rat. Und wir alle sind bemüht den Tag auszunutzen, auszufüllen. Ich war vor nicht allzulanger Zeit in einer Notlage. Fern von zuhause, irgendwo im Frankenwald. Da rief ich einen befreundeten Pfarrer an, der mir, nachdem er meine Stimme erkannt hatte, sofort mitteilte, dass er „voll durchgetaktet“ sei und er nun keine Zeit für mich habe.

Bei ihm trifft das „carpe diem“ bestimmt zu. Aber auch das „Kauft die Zeit aus“?
Da Paulus schreibt, wir sollen nicht als Unweise, sondern als Weise die Zeit auskaufen und uns auch noch suggeriert, dass wir das mit dem Willen des Herrn in Verbindung bringen sollen, muss etwas anderes gemeint sein als „carpe diem“.

Hier geht es um sorgfältige und weise Lebensführung. Die Zeit auszunützen bedeutet also nicht, möglichst viel in einen Moment hineinpacken. Die Zeit ausnützen heißt, zu überlegen und zu entscheiden, wie ich die mir geschenkte Zeit sinnvoll verwenden kann. Was ist mir wichtig und was nicht?

Weisheit bedeutet in der Bibel das richtige Verständnis Gottes und seiner Gebote. Weisheit heißt, die Welt im Licht Gottes zu sehen und die Zeit dafür einzusetzen, dass sein Wille geschehen kann. Im Vertrauen auf Gott kann ich mich dann dafür engagieren, dass auch meine Mitmenschen unsere Zeit – so böse sie in mancher Hinsicht sein mag – als Gnadenzeit entdecken können, d.h. als Gelegenheit, Gott kennen und lieben zu lernen. Dafür möchte ich möglichst viel meiner Zeit einsetzen. Dabei vertraue ich darauf, dass Gott auch mir genug Zeit schenken wird, in der ich bei ihm zur Ruhe kommen und mich von der Hektik und dem Stress unserer Tage erholen kann.

Amen!

Lektorin Martina Metzele, Aschaffenburg-Haibach, Franken