2. Sonntag nach Christfest

3.01.2021

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Wortgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium Zyklus C

Eingangslied GG 552 O komm, o komm, Emmanuel
Predigtlied GG 553 Du Kind, zu dieser heilgen Zeit
Nach Predigt GG 558 O Bethlehem, du kleine Stadt
Schlusslied GG 560 Tief im kalten Winter

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård, Musikdirektor und Organist


Luk 2, 41-53

Liebe Gemeinde

Die Perikope von St. Lukas gibt uns die seltene Gelegenheit, einen Blick auf die Kindheit Jesu zu werfen. Die jungen Jahre unseres Erretters sind im Neuen Testament wenig beschrieben. Vielleicht kennen wir aus diesem Grund viele schöne, aber wenig wahre Legenden. Eine Legende besagt, dass ein junger Jesus, der in der Tischlerei seines Vaters saß, Vögel in Holz schnitzte, sie in einer Reihe auf einen Tisch legte und sie mit einem Atemzug belebte, und sie flogen singend davon.

Jesus ist nicht gekommen, dass wir an Legenden glauben, sondern an ihn und an das Wort, das er vom Vater hat. Das Wort ist für uns. Er selbst ist das Wort des Vaters. Sichtbares Wort. 

Wie war es also mit Jesus zu Hause, als er aufwuchs? Offensichtlich führten ihn seine Eltern in die Kirche. In Nazareth gab es eine Synagoge, und die Heilige Familie musste regelmäßig dort gewesen sein. Mindestens einmal im Jahr soll man auch den Tempel in Jerusalem besuchen.

So, wie für die Katholiken in Polen die Pilgerfahrt nach Lichen, Santiago de Compostela oder sogar Częstochowa etwas Besonderes ist und war, genauso ist und war für Juden das Gebet im Tempel in Jerusalem etwas Besonderes. Auch wenn heute nur noch ein Bruchteil der Mauer des Tempels übrig ist, in dem sich der junge Jesus befand, pilgern auch Christen dorthin.

Gott braucht jedoch nicht unsere Tempel, er braucht unsere Herzen. Wir bauen jedoch wie König Salomo unsere Kirchen und setzen viele Ressourcen und Anstrengungen ein, um sie edel, schön und würdevoll aussehen zu lassen. 

Seit 20 Jahren fahre ich an der Kirche in Swojczyce vorbei und ich danke Gott, dass die Liturgie dort immer noch gefeiert wird. Die Kirche wurde von uns Evangelischen vor dem Krieg gebaut. Dort gibt es eine Gemeinde, die betet und die Heiligen Sakramente feiert. Die Kirche teilte nicht das Schicksal vieler evangelischer Kirchen in Schlesien, die heute keiner Liturgie dienen.

Wir brauchen diese Orte, die Kirche, den Tempel, um dem Trubel dieser Welt zu entfliehen und nicht zu hören, was die Welt sagt, sondern was Gott sagt. Unser heutiges Problem ist, dass das, was die Welt uns sagt, was die Medien sagen, was unsere Laptops, das Internet, unser iPhone und worüber wir auf Facebook lesen, oft wichtiger sind als Gottes Wort. Der Psalmist sagt etwas anderes: Ein Tag in den Höfen des Herrn ist kostbarer als Tausende anderswo.

Deshalb geht der kleine Jesus mit seinen Eltern gerne zum Tempel. Er macht es anders als wir es oft mit unsere Kindern tun. Viele gehen widerwillig, gehen nicht einmal hinein, sondern stehen draußen und hören eine Predigt aus den Lautsprechern. Sie schlurfen ungeduldig mit den Füßen und warten auf das Ende der Heiligen Messe, damit sie schnell nach Hause rennen können, in die Welt, in die Vergänglichkeit. Sie hätten noch die Möglichkeit die Heiligen zu erleben, zu spüren, um so wie er zu sein: Heilig, weil sein Wort heilig ist.

In einer alten evangelischen Zeitung fand ich „Die zehn Gebote für die Teilnehmer im Gottesdienst“. Das zehnte lautet: „Sprich nicht über gleichgültige Sachen, wenn du Gottes Haus verlässt. Dann machst du den Festtag zu einem Wochentag. Und du willst doch den Segen des Sonntags nach Hause bringen und den Tag dem Herrn widmen. „

„… Jesus bleibt noch drei Tage im Tempel.“ „… und nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel.“ Dies ist die erste Ankündigung des Todes und der Auferstehung Jesu. 

Maria, die Mutter Jesu, verliert ihren Sohn für drei Tage und nach drei Tagen findet sie einen anderen Sohn. „Warum hast du mich gesucht? Wusstest du nicht, dass ich in dem sein muss, was mein Vater ist?

Wir verstehen diese Geschichte falsch, wenn wir Jesus als Vorbild für die Erziehung von Jungen sehen wollen. Auch die Maler, die Jesus auf einer Plattform porträtierten, der hoch sitzt und mit den Schriftgelehrten spricht, interpretierten dieses Ereignis falsch. 

Es war umgekehrt: Seine Eltern „fanden ihn im Tempel, unter den Lehrern sitzend, hörend und fragend.“ Weil Jesus zuhörte und Fragen stellte, wurde er weiser. Obwohl er später mit den Schriftgelehrten diskutierte und sich entschieden gegen ihre Heuchelei aussprach, war er immer bereit, ihre Lehre anzunehmen, wenn sie mit dem übereinstimmte, was er vom Vater gehört hatte.

Warum suchten Maria und Josef „in Trauer“ nach Jesus? Sicherlich gab es elterliche Liebe und Sorge für das Kind, aber vielleicht auch die Angst, dass Gottes Verheißungen des Engels nicht erfüllt würden: „Dieser wird groß sein und der Sohn des Höchsten genannt werden. Und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben“. Wir wissen, dass Maria all diese Versprechen in ihrem Herzen hielt. Die Worte lebten in ihr und gaben ihr die Kraft, bis zum Ende zu ihrem Sohn zu stehen.

Jesus antwortete: „Wusstest du nicht, dass ich in dem sein muss, was mein Vater ist?“ Mit diesen Worten musste er die Schriftgelehrten bereits empört haben. Oder vielleicht haben sie, wie Joseph und Maria, diese Worte noch nicht verstanden. Als die Gelehrten diese Worte verstanden, riefen sie: „Kreuzige ihn!“

Jesus wollte und musste in dem sein, was sein Vater ist: nicht nur im Tempel in Jerusalem, nicht nur in der Synagoge, zu der er jeden Sabbat „nach Sitte“ eilte, sondern auch in der Wüste, unter Freunden und Feinden, auf einsamen Berggipfeln, im Garten von Gethsemane und in Golgatha.

Als getaufte Kinder Gottes sind wir im Glauben die Geschwister Christi. Deshalb sollten wir uns ebenso wie unser Herr und Meister regelmäßig „nach Sitte“ bemühen, nicht nur einmal pro Woche, sondern immer in Gottes gutem Geist, Gesegnete zu sein. In der Kirche, im Wort Gottes, im Gebet und in der Arbeit, in der Liebe zu Gott und anderen Menschen. Durch die Teilnahme an der Heiligen Eucharistie lebt Jesus in uns und wir leben in ihm. Deshalb können wir buchstäblich durch diese Welt in Christus zu unseren Nachbarn wandeln.

Ich segne euch alle von Herzen,

Amen.

Pfr. Andrzej Fober