19. Sonntag nach Trinitatis

27.10.2019

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Lutherische Heilige Messe, Taufe von Alexander Holsa

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus C

Taufe EG 329 Bis hierher hat mich Gott gebracht 
Introitus EG 352 Alles ist an Gottes Segen
Graduale EG 324 Ich singe dir mit Herz und Mund
Predigt EG 361 Befiehl du deine Wege

Nach Predigt Orgelmusik
Preparatio EG 228 Er ist das Brot
Schlusslied EG 321 Nun danket alle Gott

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård,  Musikdirektor u. Organist


Johnnes 5,1-6

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe Taufgemeinde!

Am vergangenen Freitag erlebte ich einen besonderen Gottesdienst, obwohl ich der Meinung bin dass jeder Gottesdienst besonders ist! Es war ein Dankgottesdienst im Zentrum der Diakonie unserer Diözese. Die Diakonie ist nun 20 Jahre alt. Nicht sehr lang ist die Geschichte dort. Der Anfang war sehr klein und mager, aber das Werk und die Arbeit wurden reichlich gesegnet und nun sind heute dort mehr als 150 Mitarbeiter angestellt. Es gibt dort Schulen, Werkstätten für die Bewegungs- oder Ergotherapie, zahlreiche andere Einrichtungen für leicht oder schwer behinderte Kinder.

Es wurden Bilder von verschiedenen Anlässen gezeigt, die einen guten Eindruck gewähren, wie dort in vielfältiger Art und Weise gearbeitet wird. Ich habe mir gedacht: auf wie vielen Gesichter war ein Lächeln zu sehen und in wie vielen Herzen hatte die Freude eine Wohnung genommen. Es war und ist möglich, weil es zeigt wie sich Menschen getroffen haben, die anderen Menschen helfen wollten.

Ein Vertreter der Stadt Breslau, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, der von Anfang an auch diese Arbeit unterstützt hat, sagte: „Als ich die Bilder der Geschichte des Zentrums gesehen habe, wurde mir klar – hier ist ein Wunder passiert”.

In der Geschichte aus dem Evangelium nach Johannes ist auch ein Wunder passiert. Aber zuvor hören wir einen der höchstdramatischen(most dramatic) Sätzen den ein Menschen sagen kann: Herr, ich habe keinen Menschen! Ich habe niemanden, der mir hilft. Ich schaffe es nicht allein! Ich bin zu schwach, zu langsam, ich bin immer zu spät an der Stelle wo ich sein sollte.

Diese Behauptung des Mannes aus Jerusalem hören wir auch am Anfang der Bibel: „Und Gott, der HERR, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht”. (1Mo 2,18). Hier definiert Gott, am Anfang der Menschheit auf Erden unsere Berufung. Nur der Mensch kann auf Erden eine entsprechende Hilfe für andere Menschen sein!

In der Diakonie der Diözese ist ein Wunder passiert weil Menschen anderen Menschen helfen wollten. In Jerusalem am Teich Betesda ist für diesen Kranken kein Wunder zu sehen, weil jeder wartete geduldig und achtsam auf die Bewegung des Wassers und wenn es kam, war er immer zu spät.

So entsteht auch heute, in der Welt in der wir leben eine Sicht in der Gesellschaft, die einfach doch wie abgeschnitten von der Gesellschaft leben muss.

Wunder passieren oft dort, wo Menschen sich durch Gottes Wort und Geist leiten lassen. Gott braucht uns in dieser Welt, weil wir alle haben das, was die Welt braucht, was die Menschen brauchen.

In dieser Geschichte finden wir natürlich auch andere wichtige Hinweise. Mindesten zwei davon will ich kurz mit Ihnen betrachten.

Der Kranke erzählt Jesus seine schwere Lage. Es ist eine traurige Szene. Dort fallen diese höchstdramatischen most dramatic Worte: Herr, ich habe keinen Menschen. Was sagt Jesus:
Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Also von nun an musst du nicht mehr auf die Bewegung  des Wassers warten. Es kann eine Wende in unsrem Leben geben, vielleicht ist sie auch oft nötig, wo das Neue beginnt und wir müssen das Alte verabschieden. Es ist ein Prozess, es braucht eine innere, geistige Arbeit oft, ist eine Überlegung nötig, sicher ein Gebet, dass es aufs Neue geht. Wir müssen natürlich achtsamsein, was wir verabschieden wollen und was beginnen. Jedenfalls in dieser Geschichte ist es klar zu sehen: nicht das passive Warten, sondern: Aufstehen und gehen!

Jesus findet den Kranken dann im Tempel. Er sagt ihm genau die gleichen Worte wie jener Frau, auch im Johannes Evangelium, die beim Ehebrechen erwischt wurde: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr”. (Joh 8,11)

Was sagt uns die Geschichte heute, liebe Gemeinde? Höret die Stimmen von vielen Menschen die schreien: ich habe keinen Menschen. Das Werk der Diakonie, nicht nur bei uns in Breslau, ist entstanden weil Menschen auf diesen Ruf von vielen Kranken und Einsamen gehört haben und sich als Werkzeuge Gottes in dieser Welt verstanden.

Der Gesundgewordene geht in den Tempel. Er dankt Gott für die Heilung und zugleich erzählt er allen was ihm passiert ist. Gott gebührt die Ehre! Erneut geht er zu den Juden und sagt: ich weiß jetzt wie er heißt, der mich heilte, er heißt Jesus.

Die Juden aus dieser Geschichte symbolisieren die, die immer unzufrieden sind, die uns auch in unseren Leben begegnen, die natürlich nicht sagen werden, dass die Heilung eine schlechte Sache ist, aber warum trägt er sein Bett am Sabbath, das sicher schwerer als zwei getrocknete Feigen ist?

In dem Text von Johannes ist die klare Ankündigung einer neuen Zeit. Das neue Volk Gottes, das sich um Jesus sammelt (auch bei der Taufe) verabschiedet langsam alte Sitten mit ihren Schlachtopfern und Rauchopfern. Jesus zeigt einen neuen Weg. Es ist der Weg der Zuwendung, der Liebe, des Vergebens der Verantwortung für das Leben von Anderen. Nicht ein geschlachtetes Tier wird von Gott erwartet, sondern ein Glas mit frischem Wasser, das wir anderen schenken. Dieses Glas wird vielleicht nicht sehr viel bewirken, aber das Trachten des Herzens schon.

Amen!