6. Sonntag nach Ostern – Exaudi

Wochenspruch – Joh 12,32
Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Wochenlied
EG 128 – Heilger Geist, du Tröster mein

AT-Lesung – Predikttext

Epistel – Eph 3,14–21
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, 18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Evangelium – Joh 16,5–15
5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen.

Predigt –  Jer 31,31–34
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde!

An bestimmten Tagen kommen bei uns Erinnerungen hoch: An runden Geburtstagen, am Hochzeitstag, bei anderen Jubiläen oder bei der Begegnung von zwei Gemeinden, wie an diesem Wochenende. Fotos von damals kommen auf den Tisch:
O, Gott, wie sehe ich denn aus, die Frisur! Oder es beschleicht einem Wehmut:
Ja, ja, lang, lang ist es her!

Im heutigen Predigtwort wird auch an früher erinnert. Wisst ihr noch!
Durch seinen Diener, dem Propheten Jeremia, lässt Gott sein Volk noch einmal zurück schauen: Wisst ihr noch! Damals in Ägypten da hat euch Gott an die Hand genommen und euch herausgeführt aus der Sklaverei in die Freiheit. Gott war immer bei euch. Durch die größten Sturmfluten hindurch hat der HERR euch hindurch geführt und unter sengender Hitze hat ER euch nicht im Stich gelassen. ER war der Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. So war er zu dir, der treue Menschenhüter.
Wisst ihr noch!

Mancher unter uns erinnert sich vielleicht in ähnlicher Weise. Besonders war es eisiger Wind, der die Vorfahren unter uns auf beiden Seiten der Oder plagte bei der Vertreibung auf der Flucht, aus Breslau, Liegnitz, Jauer, Waldenburg oder dem Hirschbergertal, Flucht und Vertreibung, die ihre Spuren hinterlassen haben und die immer noch nachwirkt in der jetzt dritten Generation. Eine entbehrungsreiche Zeit voller Ungewissem damals.
Wisst ihr noch!

Bei anderen ist es die Erinnerung an schwierige Wegstrecken im Leben, als die Arbeit verloren ging, die Ehe in die Brüche, als Krankheit bange Tage bescherte, als es schmerzte Abschied nehmen zu müssen von lieben Menschen.
Abschnitte und Einschnitte, die prägend sind und auch weh tun, sind unserer Seele nicht fremd. Aber dann gibt es auch wieder Lichtblicke bei allem Dunkel und Schwerem, so wie
es auch beim Gottesvolk Israel war: Wir fühlten uns an der Hand genommen. Gott war dabei. Er ist mitgegangen auf unserem Weg. Wir fühlten Geborgenheit und gut aufgehoben bei Gott, in unserem Glauben.
Wisst ihr noch!

Aber nun stellt Jeremia die entscheidenden Frage: Sagt einmal, was ist eigentlich daraus geworden, dass Gott zu euch so gut war? Gott spricht: Ich habe mich mit dir verbündet,
bin dir treu gewesen. Und er fragt zurück: Wie war es bei dir? Warst du auch treu zu mir? Da berührt der Prophet einen wunden Punkt. Am Fuße des Sinai haben sie die Zehn Gebote empfangen, damit ihr neues Leben in Freiheit gelingt. Es wurden ihnen dort die Leitplanken auf ihren langen Weg in das gelobte Land mitgegeben, damit sie sich nicht gegenseitig das Leben schwer machen, damit sie Gott allein die Ehre geben und die Würde des anderen achten; denn er ist wie du. Gottes Bund auf ewig. Wir sind sein Volk.

Aber wie ging es dann weiter? Vieles ist nicht mehr so wie anfangs.
Viele haben sich ganz gut eingerichtet im gelobten Land, auch ohne Gott.
„Man muss ja schließlich schauen, wo man bleibt, Gottes Gebote die stören doch bloß und machen nur ein schlechtes Gewissen!“ „Mit ausgefahrenen Ellenbogen kommt man weiter.“ So ähnlich hörte sich das an, was Jeremia dann auf den Plan rief.
Viele haben ihr Leben wegen kurzfristiger Vorteile selber in die Hand genommen. Langfristig auf Gott vertrauen, ist mühsam. Lieber um das tote, goldene Kalb tanzen, als Verlass in den lebendigen Gott suchen.

Und heute trifft die Frage des Propheten auch uns:
Was ist bei dir daraus geworden? Hat dein Leben Schritt gehalten mit Gottes Guttaten und seiner maßlosen Barmherzigkeit. Hast du nicht oft auch seine Hand losgelassen?
Die Erinnerung an Gottes Geschichte mit uns, ist eine Rückschau wo wir seinen Segen empfangen und gespürt haben; als er uns die Augen geöffnet und die Lichtpunkte auf unserem Lebensweg gezeigt hat und uns liebevoll an seine Hand genommen hat. Die Erinnerung an Gottes Geschichte mit uns ist aber auch eine Geschichte des Scheiterns, wo wir unter seinen Erwartungen geblieben sind. Jeremia redet da ganz unverblümt von der Trauer Gottes. Ich habe mich mit ihnen verbündet, aber sie…

Was wohl Gott über uns denkt? Ob er zufrieden ist mit unseren Lebenszielen? Wie wir miteinander umgehen? Die Reichen mit den Armen, die Erfolgreichen mit den anderen? Welche Werte geben wir weiter an unsere Kinder und Kindeskinder? Welche Zukunftschancen öffnen wir der jungen Generation? Finden wir richtige Wege Menschen anderer Kulturkreise zu beheimaten? Überhaupt, wie wird die Welt aussehen, die wir einmal hinterlassen werden?

Na, ja, es könnte schon etwas christlicher zugehen unter uns. Der Raubbau an Gottes Schöpfung müsste nicht ganz so arg sein, aber man muss ja auch an die Arbeitsplätze denken. Und freilich die nachfolgende Generation braucht auch noch was zum Leben…
Schluss ruft da Jeremia dazwischen. So spricht der Herr: Ich habe keine Lust und euer ein wenig, ein bisschen, man müsste und man könnte vielleicht, gefällt mir nicht.
Jeremia mutet uns an wie ein Verderber unserer schönen Sonntagsstimmung. Aber Jeremia will das ja gerade nicht. Es geht ihm darum, Gott wieder ins Bewusstsein und ins Herz seiner Menschenkinder zu bringen, weil der HERR sich eben an diesem Punkt ganz anders verhält, als wir es oft tun.

Wenn wir enttäuscht wurden hört sich das oft so an: „Jetzt bist du bei mir unten durch!“ Und dann herrscht meist Funkstille.
Und wenn der Frust bei uns ganz tief sitzt, klingt das auch langsam bedrohlich:
Na, warte, du wirst mich noch kennenlernen!
Bei Gott klingt es fast genauso: Die sollen mich kennenlernen!
Aber bei ihm ist das keine Drohung. Ihr sollt mich kennenlernen, wie ich wirklich bin. Auf meiner Seite bleibt dieser Bund wohl fest bestehen. Ich bleibe euer Licht auf euren Wegen. Unkündbar ist sein Bund mit uns Menschenkindern. Gott läuft nicht einfach davon und schmeißt die Brocken hin. Er scheut auch keine Zerreißprobe mit uns. Dass er unser Gott ist und unser Gott bleibt ist für ihn eine Herzensangelegenheit. In unser Herz will Gott dies uns einschreiben.

Das soll geschehen, sagt Jeremia. Und tatsächlich es geschah.
Es geschah, als Gott einer wie einer wurde von uns. Jesus Christus, ein Mensch wie wir und Gottes Sohn zugleich, auf ihn sind wir getauft. Damit fing Gottes Segensweg mit uns an.
In diesem Jesus Christus gibt sich Gott zu erkennen, so wie er ist:
So voller Liebe für seine Menschenkinder, mit einem so großen, weiten Herzen und mit einem so langen Atem für uns. Was muss er nicht alles ertragen, was wir ihm, seinen Ebenbildern und seiner gesamten Schöpfung antun, Tag für Tag?
Und was Jesus gerade, denen vorlebte, die ihn argwöhnisch oder gar ablehnend begegneten, davon hat der Prophet eine Ahnung, wenn es hier heißt: Es wird keiner den anderen lehren.

Wenn wir Gott in diesem Jesus Christus erkannt haben, dann braucht es auch das Schulmeisterliche von oben herab nicht mehr.
Dann muss ich nicht fragen: Darf ich das oder soll ich das bleiben lassen. Es braucht vielmehr einen guten Boden, worauf Vertrauen wachsen kann; dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen.

Dieses gesunde, weil durch Christi Blut geheilte Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist wie bei einem Liebespaar:
Auch die brauchen uns nicht, dass wir ihnen sagen: Tut dies oder lasst jenes sein. Sie tun es einfach und es ist das Richtige.
So ermuntert Jeremia zwischen den Zeilen zu mehr Gelassenheit und mehr Vertrauen in Gottes Gnade, die unserer Schwachheit aufhilft.
Heute wurden wir an Gottes lange Geschichte mit Höhen und Tiefen mit seinem Volk erinnert, aber auch an unsere wechselvolle Geschichte mit dem großen Menschenhüter.
Wisst ihr noch!

Beide Geschichten sind Liebesgeschichten und sie hören nie mehr auf wie eure Oder, der große Strom, der nie aufhört zu fließen.

Amen!

13.05.18, Breslau, Christophori,
Predigt gehalten von Pfarrer Dietmar F. Schuh, Absberg-Spalt

Gebet
Allgegenwärtiger Gott,

du bist uns verborgen,
denn wir verbergen uns vor dir.
Du bist uns fern,
denn wir fliehen dich.
Wer darf dich erkennen?

Komm zu uns und öffne unsere Sinne,
dass wir dich spüren,
wie du wirkst und Leben schaffst
in uns
und unter uns und in allem,
was wir sehen und hören und erfahren.

Wir bitten dich um dein Erscheinen,
wo du fern zu sein scheinst,
bei denen, die vereinsamen und verdämmern
in Krankenhäusern und Pflegeheimen,
die sich vergessen fühlen,
die Zuneigung vermissen
und nicht mehr an deine und unsere Nähe glauben können.
Wir rufen:
Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um dein Erscheinen,
wo du zu fehlen scheinst,
bei denen, derer Lebensperspektiven bedroht sind,
bei denen, die kalt und leer geworden sind
und verschlossen in ihren engen Kreisen,
bei denen,
die nur noch weg wollen und nicht wissen wohin.
Wir rufen:
Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um dein Erscheinen,
wo du dich zu entziehen scheinst,
bei denen, die Angst haben vor der Zukunft,
bei denen, die nicht glauben können
an deinen Weg mit uns,
bei denen, die Reichtum oder Rasse,
technisches Vermögen
oder den vermeintlich unentwegten Fortschritt
an deine Stelle setzen.
Wir rufen:
Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um dein Erscheinen,
wo du fern zu sein scheinst,
in unserer Verworrenheit,
die wir das Nächste, deine Nähe nicht sehen,
die wir nicht spüren können,
wie du dich unentwegt nach uns sehnst und uns suchst.
Wir rufen:
Herr, erbarme dich.

Allgegenwärtiger Gott,
du bist uns verborgen,
denn wir verbergen uns vor dir.
Wo der Himmel verschlossen scheint und die Hoffnung verweht,
sei du uns der Weg ins Offene.

Amen.

(www.velkd.de)

Ankündigungen
Liebe Freunde und Mitglieder der St. Christophori-Gemeinde!

Ich sende Ihnen eine Predigt für den Sonntag Exaudi. Sie wurde am 13.05.2018 von Pfarrer Dietmar F. Schuh aus der Gemeinde Apsberg – Spalt gehalten. Pfarrer Schuh mit paar Mitglieder seiner Gemeinde besuchten uns im Rahmen eines Gegenbesuches. In der Kirche Spalt hängt eine Glocke aus Breslau. Es ist nicht eine unbekannte Glocke, sondern eine Glocke aus der St. Christophori-Kirche.
Wir hoffen, dass so lange die Glocke läutet – egal wo – wird eine Gemeinschaft zwischen unseren Gemeinden bestehen. Wir wünschen Pfarrer Dietmar und allen seinen Leuten einen gesegneten Sonntag Exaudi und ein Frohes Pfingstfest.

In der Woche vor Pfingsten wird es wieder eine Videokonferenz der Pastorenschaft unsere Diözese mit dem Bischof Waldemar Pytel geben. Wir werden sicher neue Richtlinien bekommen wie die zukünftige Durchführung von Gottesdiensten in unserer Gemeinde gestallten wird.
Nach der Konferenz werde ich alle Mitglieder des Rates fragen wollen ob sie den Antrag von Frau Waschke unterstützen. Frau Waschke ist für den ersten Gottesdienst nach der Aussetzung schon am Pfingstfest. Dieser Antrag muss jedoch vier „Ja“ Stimmen bekommen.
Das Ergebnis der Abstimmung werde ich per E-Mail Ihnen allen bekanntgeben wollen. Soll die Entscheidung positiv sein, würde es bedeuten, dass wir am Pfingsten einen Gottesdienst mit dem Heiligen Abendmahl feiern sollen.

Ich befehle Ihren Gebeten den morgigen Sonntag, die Woche vor dem Fest der Geburt der Kirche mit Ihren privaten und dienstlichen Entscheidungen.

Mit schlesischem Gott befohlen
Ihr
Andrzej Fober

 

Fot. Road trip with Ray/Unsplash