Christi Himmelfahrt

Tagesspruch – Joh 12,32
Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Tageslied
EG 123 – Jesus Christus herrscht als König

AT-Lesung – 1. Kön 8,22–24.26–28
22 Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel 23 und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; 24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. 27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? 28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Epistel – Apg 1,3–11
3 Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.
4 Und als er mit ihnen beim Mahl war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr – so sprach er – von mir gehört habt; 5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen. 6 Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? 7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; 8 aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. 10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Evangelium –  Joh 17,20–26
20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Predigt
Gruß des Ordensdekans zum Himmelfahrtstag 2020


Osterkerze aus dem Karmel Maria Regina Martyrum in Berlin-Charlottenburg

Als ich noch Schüler und später Student war, gab es in den Gottesdiensten zum Himmelfahrtstag einen ganz besonderen Moment, der mir immer viel Eindruck gemacht hat. Wenn das Himmelfahrtsevangelium nach Lukas gelesen wurde, dann löschte jemand mit einem großen Löschhut an einem langen Stiel, der sonst nur für die Kerzen am Weihnachtsbaum zum Einsatz
kam, die Osterkerze. Und zwar exakt bei den Worten „Er führte sie aber hinaus bis nach Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott“ (Lukas 24.50-53).

Diese Geste des feierlichen Auslöschens, die der Küster in der Berliner Dorfkirche meiner Jugendtage besonders würdig auszuführen wusste, hat mich auch schon beeindruckt, als ich noch gar nicht wusste, was sie genau bedeutet. Als ich dann am Konfirmandenunterricht teilnahm, fragte ich nach und bekam die Bedeutung erläutert: Das Auslöschen der Kerze symbolisiert ein kaum begreifliches Detail der neutestamentlichen Erzählungen – nämlich das Ende einer unmittelbaren nachösterlichen Zeit, während der sich der Auferstandene den Frauen und Männern in einer sehr besonderen leibhaften Gestalt zeigte. Die Geschichte von einer Wanderung nach Emmaus (die unmittelbar vor der Himmelfahrtsnotiz beim Evangelisten Lukas zu lesen ist) macht sehr schön deutlich, dass es sich offenbar wirklich um eine sehr besondere Gestalt handelte: Man konnte während dieser nachösterlichen Zeit mehrere Stunden neben Jesus von Nazareth laufen, ohne es zu merken. Und erst beim Abendessen in dem bei Jerusalem gelegenen Emmaus wurde plötzlich deutlich, wer da mit den verängstigten und zerschlagenen Menschen unterwegs war.

Die Osterkerze brannte in meiner Jugend lediglich von Ostern bis Himmelfahrt, um an diese besondere Zeit einer irdischen Gegenwart des Auferstandenen zu erinnern – und ich war dankbar für diesen Umgang mit der Osterkerze, weil er half, für etwas Bilder zu haben, wofür meinem Verstand und meiner Erfahrung authentische eigene Erinnerung fehlt. Solche Erinnerung an Jesus, der in verwandelter leiblicher Gestalt mir zum Abendessen das Brot reicht, müssen mir fehlen, weil die besondere Zeit, in der Menschen solche besonderen Erfahrungen machen konnten, seit langem vorbei ist. Davon berichtet das Lukasevangelium im vierundzwanzigsten Kapitel. Über etwas, woran man keine eigene Erinnerung hat oder haben kann, kann man schlecht sprechen. Alle Bilder und Worte sind nur ein bescheidener Ersatz.

Natürlich ist auch die Vorstellung, dass Jesus von Nazareth wie in einem riesigen kosmischen Fahrstuhl in den Himmel aufgefahren ist und seine Jünger – wie das Vater und Sohn Cranach mehrfach gemalt haben – nur noch die nackten Füßen unterhalb der Wolken sahen, als sie ihm nachsahen, ein Bild für eine eigentlich kaum vorstellbare Sache. Es hat sich eingebürgert, von „mythologischer Redeweise“ zu sprechen. Damit soll aber natürlich nicht behauptet werden, dass biblische Autoren noch einen vorneuzeitlichen, vorwissenschaftlichen Weltbild verpflichtet waren und so töricht waren anzunehmen, dass man mit kosmischen Riesenfahrstühlen in den Himmel kommen kann. Auch den biblischen Autoren war sehr klar, dass sie in uneigentlicher Rede über etwas formulierten, für das ihnen keine Worte eigentlicher Rede zur Verfügung standen. Uns geht es ja heute noch immer ähnlich: Wir merken gerade in der CoronaKrise sehr deutlich, dass es ohne mythologische Redeweise nicht geht. Aber alle wissen auch, dass es mythologische Redeweise ist. Wir sprechen von einem Krieg gegen das Virus. Aber wir wissen zugleich: Das Virus ist in Wahrheit kein unsichtbarer Feind, gegen den wir uns im Krieg befinden. Es ist ein Virus. Ein anderes Beispiel: Wenn jemand sagt: „Es donnert“, dann meint derjenige ja auch nicht, dass da ein „es“ ist, das über uns donnert wie eine Frau Holle, die Schnee aus dem Himmel regnen lässt. Komplexe naturwissenschaftliche Phänomene werden in mythologischer Redeweise abgekürzt. Und daher reden wir von einen Feind namens Corona, gegen den Virologen Krieg führen oder von einem „es“, das donnert – und so haben die biblischen Autoren auch von Jesus geredet, der wie in einem Fahrstuhl nach oben fährt.

Sowohl die alten Gesten wie das feierliche Auslöschen der Osterkerze beim Himmelfahrtsevangelium wie auch die Rede von der Himmelfahrt Jesu wollen uns helfen, die Bedeutung des Himmelfahrtsfestes für uns zu erkennen: Christi Himmelfahrt ist ein Tag, an dem man Gelegenheit hat, zu verstehen, was „Himmel“ eigentlich bedeutet. Was es heißt, dass Gott nicht neben mir wie ein Mensch auf der Erde herumläuft, sondern als Gott „im Himmel“ ist. Das bedeutet, dass es einen Bereich Gottes gibt, der mir entzogen ist – und aus dem mir trotzdem Gutes kommen soll. Auch aus den Naturwissenschaften wissen wir, dass die Welt, in der wir leben, nicht die einzige Welt ist. Und wir lernen, dass das, was uns vor Augen ist, nicht das Einzige ist, was es gibt. Das alles ahnen auch Menschen, die nicht Philosophie oder Physik studiert haben. Und am Himmelfahrtstag werden uns Gesten, Bilder und Texte geschenkt, das alles auch wenigstens ansatzweise zu begreifen. Die Botschaft des Himmelfahrtsfestes ist, dass in den Welten, die uns entzogen sind, Gott auch da ist. Egal, welche Welten in der Mathematik oder Physik noch entdeckt oder postuliert werden – überall ist Gott.

In den meisten Kirchen, die ich besuche, brennt inzwischen die Osterkerze das ganze Jahr und wird am Himmelfahrtstag nicht mehr feierlich gelöscht. Ich kann das gut verstehen – so wird beispielsweise die Osterkerze in der Berliner Kirche, an der meine Frau Pfarrerin ist, von einer Karmelschwester des Klosters der katholischen Nachbarkirche Maria Regina Martyrum besonders kunstvoll und kostbar gestaltet. Es wäre schade, sie nach wenigen Wochen außer Dienst zu stellen und bei uns im Wohnzimmer zu nutzen. Außerdem macht die brennende Osterkerze
ja wunderbar deutlich, dass auch nach Himmelfahrt Jesus von Nazareth bei uns ist. Er kommt uns sogar leibhaft nahe und bricht uns das Brot, aber eben nicht mehr so, wie er es den Emmaus-Jüngern brach, sondern so, wie er sich uns im Abendmahl schenkt. Gebe Gott, dass wir es bald wieder gemeinsam feiern können. Bleiben Sie bis dahin gesund! Und einen gesegneten
Himmelfahrtstag wünsche ich Ihnen allen!

Ihr Christoph Markschies, Ordensdekan

Gebet
Du zeigst uns den Himmel,

Christus, du Auferstandener.
Du bist unser Himmel.

Komm miit dem Himmel zu uns.
Wohne in unseren Herzen,
damit deine Liebe uns verwandelt,
damit wir eins sind,
damit wir einander vertrauen,
damit wir einander vergeben,
damit wir einander helfen.

Komm mit dem Himmel zu den Schwachen.
Lebe mit ihnen,
damit ihnen neue Kräfte wachsen.

Komm mit dem Himmel zu den Kranken.
Heile sie,
damit sie aufatmen und wir einander wieder berühren.

Komm mit dem Himmel zu den Mächtigen.
Leite sie,
damit sie dem Frieden dienen
und der Gerechtigkeit aufhelfen.

Komm mit dem Himmel zu unseren Kindern.
Begeistere sie,
damit sie lernen, das Gute zu tun.

Christus, du Auferstandener,
der Himmel ist in uns.
Du bist unser Himmel,
heute und alle Tage.

Amen.