5. Sonntag nach Ostern – Rogate

Wochenspruch – Ps 66,22
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Wochenlied
EG 344 – Vater unser im Himmelreich

AT-Lesung – 2. Mose 32,7–14
7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 11 Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. 14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.

Epistel – 1. Tim 2,1–6a
1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. 3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle.

Evangelium – Predikttext

Predigt –  Mt 6,5–15
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Seit dem Ereignis in Bethlehem ist der wahre Tempel des Herrn, in dem seine Herrlichkeit lebt, die Menschlichkeit des Sohnes Gottes.“ Dieser Satz aus der Predigt von vor einer Woche, den Sie hoffentlich irgendwie gelesen, überlegt und durch die dichte Materie von Gedanken, Symbolen und Bedeutungen mitbekommen haben.

Dieser Satz wird in der heutigen Predigt hilfreich sein, die möglicherweise nicht so lang wird. Es sagt uns, dass der Mensch nur in Gottes Perspektive verstanden werden kann und sein Leben gut ist, wenn er in einer Beziehung mit Gott lebt. Das ganze Evangelium kennt nur ein Thema: was sollen wir tun, dass wir gut leben können?!

Bereits im Mittelalter sagte der damals lebende Augustinus: „Unsere Seele ist unruhig, bis sie in dir (in Gott) ruht”. Was bedeutet das alles? Sind die Begriffe: Menschlichkeit des Sohnes Gottes; Tempel des Herrn; in Gott ruhen, die etwas gemeinsam haben?

Sie haben und sind untrennbar miteinander verbunden. Durch die Tatsache, dass Jesus unseren menschlichen Körper annahm und menschlich wurde, bedeutet dies, dass ein Mensch, der auf dieser Erde lebt, eine neue, nie zuvor gesehene Dimension erhält. Wir müssen nicht nach Gott suchen, indem wir eine lange Reise auf der Erde unternehmen oder in den Weltraum fliegen. Wir müssen Gott keine unvorstellbaren Tieropfer bringen – oder wie in einigen Kulturen – eigens Kinderkulte pflegen.

Seit der Geburt in Bethlehem finden wir Gott in uns, auch in anderen Menschen. Durch die Heilige Taufe sind wir seine Geschwister geworden. Durch die Heilige Kommunion ist er gegenwärtig. Er lebt in uns, wir in ihm – wir sind Gottes Hausgenossen. Wir bewegen uns in ihm, Er ist in uns. Es geschieht alles dank des Wortes. Dank des Wortes, das zu Beginn der Geschichte gesprochen wurde, als Gott sagte: Lass es geschehen.

Dies geschieht aber auch dank des besonderen Wortes, das Christus ist. Er bringt das Wort auf doppelte Weise: Das Wort des Vaters bringt er uns wie in einer einfacheren Form, er übersetzt es, er erfüllt es, lässt es uns verstehen, aber er ist das Wort selbst. Das Wort lebt in uns, indem wir ihm zuhören. Dies ist einer der schönsten Wünsche, die wir im Neuen Testament finden: Möge das Wort Christi reichlich in euch wohnen!

Gott ist also kein entfernter Fremder. Gott macht sich uns besser bekannt als Abraham und viele andere Propheten und Menschen Gottes. Er tut dies durch Jesus, dessen Geschichte wir im Evangelium finden.

Alles, was Jesus zu uns sagt, sagt uns deswegen, dass wir sehen und verstehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Nicht irgendein Mann dort oder da, sondern ein Mensch, mit dem er ein Freund ist.

Und wenn wir die irdische Geschichte Jesu in unserer Bibel lesen, was sehen wir dort in seinem Verhalten? Nun, Jesus stellt einen Dialog her. Der Dialog besteht durch reden und hören.

Jesus spricht zum Vater und hört auf den Vater. Jesus spricht zu den Menschen und hört auf Menschen.

Mit Gott zu sprechen ist ein besonderes Gespräch, wir nennen es Gebet. In lateinischer Sprache ist der Aufruf zum Gebet: Bete! – bedeutet Rogate! Deshalb ist das heute der Name des fünften Sonntags nach Ostern.
Bevor der Evangelist Matthäus das Vaterunser als Gebet vorlegt, ermahnt und warnt er kurz, was kein Gebet ist.

Das Gebet ist kein Weg, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dies ist ein inniger Dialog mit dem Ewigen Gott, daher sind Diskretion, Ernsthaftigkeit, Haltung und innere Vorbereitung erforderlich. Gott kennt unsere Namen und unsere Beziehung zu ihm und diese Beziehung ist etwas sehr Mystisches und sehr Privates. Das Gebet ist kein Marktplatz für Beredsamkeit, Redekunst und ausladende Gesten.

Selbst wenn wir gemeinsam ein Gebet sprechen, ist es immer noch unser persönliches Gebet. In solchen Momenten fühlen wir unsere Gebetsgemeinschaft, aber für keinen Moment hört unser Gebet auf, mein persönliches Gespräch mit Gott zu sein.

Das Gebet ist keine Gesprächigkeit, um Gott darüber zu informieren, was er längst gut weiß. Der Strom von Worten, in dem der Geist stirbt, in dem es schwierig ist, einen Versuch zu finden, das Herz und die Gedanken für Gott zu öffnen, kann kaum als Dialog mit Gott angesehen werden.

Gott ist keine Beschwerde oder Beschwerdebox. Aus der Konfirmationsstunde erinnere ich mich, dass das Gebet in drei Teile unterteilt werden sollte: Anbetung – Gott die Ehre geben, die ihm gebührt; das Danken und dann kommen die Bitten.

Unser Gebet wird umso besser sein, je öfter alle Angelegenheiten unseres Lebens mit ihm verbunden sind. Wie man das verstehen soll?

Das Gebet sieht anders aus – selbst für einen religiösen Mann – der beurteilen kann oder sogar davon überzeugt ist, dass Gott nur bis zu einem gewissen Grad über mein Leben entscheidet. Sogar Gläubige sprechen von Zufall, blindem Schicksal, Glück oder sagen: So sind die Dinge.

Das Gebet eines Mannes, der sein ganzes Leben in Gottes Händen sieht, wird auch anders sein. Selbst wenn wir Gottes Gegenwart, seine Handlungen, seine Kraft, seinen Schutz und seinen Segen im Moment nicht spüren.

Wie können wir uns einen Gott vorstellen, der ein Gott wirklich wäre, der uns nur von Zeit zu Zeit zufällig im Leben begleitete? Oder er war für einige nur für die gute Seite unseres Lebens verantwortlich und für andere nur für die schlechten.

Gott ist die Säule unserer gesamten Existenz: Vor unserer Geburt, während des Lebens auf Erden und nach unserem Tod. Dies ist der Ausgangspunkt unseres Gebets, das – wenn wir das sagen können – niemanden sonst ansieht, sondern nur Gott.

Das Bewusstsein seiner ständigen, manchmal stillen Präsenz in uns und unter uns muss die Grundlage unseres Gesprächs mit ihm sein.

Was oben geschrieben steht, beinhaltet auch eine angemessene innere Vorbereitung und die dafür aufgewendete Zeit.

Während meines Dienstes in der Kirche müssen wir von Zeit zu Zeit mit dem Präsidenten der Stadt, dem Bischof der Diözese und dem Bischof der Kirche sprechen. Seit meinem Militärdienst erinnere ich mich an die Zeiten, als ich mit dem Kommandeur eines Militärbezirks, dem Chef einer Armee, dem Chef des Generalstabs, sprechen konnte. Ich habe all diese Momente sehr emotional erlebt und mich intern und extern lange vorbereitet. Die Schuhe wurden immer auf „Glanz“ poliert, wie wir im Teschener Schlesien immer es sagen.

Aber all diese hochrangigen Herren waren im Wesentlichen die gleichen Leute wie ich. Je länger ich in der Armee diente und sie besser kennenlernte, desto deutlicher wurde mir , dass sie auch ihre Schwächen hatten, ähnliche Merkmale wie ich, auch Laster. Manchmal müssen sie sich auch ihren Vorgesetzten stellen und sich lange und präzise auf diese Treffen vorbereiten.

Während des Gebets sprechen wir mit Gott, der nicht vom Himmel überwältigt werden kann. Sie und ich, deren Leben nur eine Weile auf Erden dauert, haben das Privileg, mit Gott zu sprechen, der der Anfang und das Ende aller Angelegenheiten in uns und um uns herum ist.

Sein Sohn Jesus Christus hat uns gezeigt und überzeugt uns bis heute von der Rolle und Bedeutung von Gesprächen und Dialogen mit anderen Menschen. Der Dialog spricht und hört zu. Die meisten zwischenmenschlichen Missverständnisse sind darauf zurückzuführen, dass wir unsere Gedanken entweder mit geringer Präzision kommunizieren oder nicht aufmerksam genug zuhören.

Es ist immer noch so, dass wir oft Wörtern eine andere Bedeutung zuweisen, als es der Sprecher beabsichtigt hat. Oder nur Schweigen. Wobei auch das eine Form der Kommunikation ist. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Philosoph und Autor sagt:
Man kann nicht nicht kommunizieren.
All diese Missverständnisse können schnell und einfach behoben werden. Dafür braucht man guten Willen und ein offenes Herz.

Jesus gab uns auch ein wunderbares Geschenk: das Gebet Vaterunser. Es ist sein und unser Gebet! Er möchte, dass jeden Tag ein Sonntag Rogate ist, ein Tag der Unterhaltung mit unserem Vater, aber auch mit unseren Mitmenschen!

Amen!

Pfr. Andrzej Fober

Gebet
Vater unser.

Du bist unser Vater,
dir verdanken wir unser Leben.
Dir sagen wir,
worauf wir hoffen,
wonach wir uns sehen,
wovor wir uns fürchten.

Geheiligt werde dein Name.
Wir hoffen darauf,
dass deine Liebe die Welt verwandelt.
Verwandle uns,
damit wir deine Liebe zeigen.

Dein Reich komme.
Wir sehnen uns danach,
dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.
Schaffe deinem Frieden Raum,
damit die Sanftmütigen das Erdreich besitzen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Wir fürchten uns davor,
dass Leid und Krankheit kein Ende haben.
Heile die Kranken und behüte die Leidenden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Nicht nur uns,
auch denen, die verzweifelt nach Hilfe rufen,
die vor den Trümmern ihres Lebens stehen
und die sich vor der Zukunft fürchten.
Du bist die Quelle des Lebens,
verbanne den Hunger.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Öffne unsere harten Herzen für die Vergebung.
Öffne die Fäuste der Gewalttäter für die Sanftmut.
Lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens.
Versöhne uns und alle Welt.

Führe uns nicht in Versuchung.
Dein Wort ist das Leben.
Du kannst unsere Herzen verschließen vor Neid, Gier und Hochmut.
Halte uns ab von Hass und Gewalttätigkeit.
Bewahre uns vor den falschen Wegen!

Erlöse uns von dem Bösen
Öffne unsere Augen,
damit wir das Böse hinter seinen Verkleidungen erkennen.
Lass uns dem Bösen widerstehen und
befreie alle, die in der Gewalt des Bösen gefangen sind.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Du rufst uns beim Namen.
Du siehst uns –
wo wir auch sind,
am Küchentisch, in der Kirchenbank, in unseren Kammern.
Bei dir schweigen Angst und Schmerz. Auf dich hoffen wir heute und alle Tage.
In Jesu Namen vertrauen wir uns dir an.

Amen.

Ankündigungen

Liebe Freunde und Mitglieder der St. Christophori-Gemeinde!

Ich sende Ihnen die Predigt für den Sonntag Rogate in der Hoffnung, dass die Lektüre der Predigt Ihnen ein paar gute Gedanken schenken möge.

Leider wird auch an diesen Sonntag kein Gottesdienst unserer Gemeinde gehalten. Viele von uns warten schon etwas ungeduldig auf den Gottesdienst, aber Ungeduld ist kein guter Berater. In dem Brief vom Bischof der Kirche, Herrn Jerzy Samiec, steht: die Verkündigung des Evangeliums braucht einen Glauben und Mut! Sicher ist es so. Ich bin davon überzeugt, dass unser Bischof unter Mut nicht Risiko meint.

Wenn bei einer Kreuzung das Rotlicht brennt, brauchen wir keinen Mut die Straße zu passieren, sondern Besonnenheit. Bei meinem Besuch in Norwegen im Jahre 2002 habe ich ohne großes Problem verstanden was vor der Bahnlinie geschrieben stand: stopp når rød brennt!

Tapferkeit hat nichts mit Nonchalance zu tun. Unser Bischof schreibt auch, dass entsprechende Kirchenkommissionen zur Zeit an Reglungen und Richtlinien arbeiten, wie das Abendmahl in der Zeit der Pandemie gefeiert werden soll. Diese sollen bald veröffentlicht werden. Diese werde ich Ihnen bekanntgeben und mit dem Rat der Gemeinde besprechen und dann erneut versuchen eine Entscheidung zu treffen.

Der Rat der Gemeinde hatte bereits eine Entscheidung getroffen „bis die Lage der Pandemie in Polen wesentlich normalisiert ist“. Das ist noch immer nicht der Fall, deswegen bin ich als Propst der Gemeinde durch diese Entscheidung gebunden und darf – so der Bischof der Kirche – keinen Gottesdienst feiern.

Deswegen bitte ich Sie und wünsche Ihnen tapfer zu bleiben. Nutzen Sie auch frühere Predigten oder Andachten die Sie auf unserer Seite im Internet finden. Betrachten Sie auch frühere, auch wenn sie alt sind, Berichte aus dem Leben unserer Gemeinde. Sie dokumentieren ein Leben unserer Gemeinde an das Sie auch mehr oder wenig teilgenommen haben. Ich hoffe wir werden bald wieder das Leben der Gemeinde gestalten dürfen.

Die Zeit der Pandemie ist eine Zeit des Wartens, der Tapferkeit, der Stille, in sich gehen, das bis jetzt schnelle Leben etwas ausbremsen!

Das wünsche ich Ihnen und bleibe mit Ihnen allen herzlichst verbunden,

Ihr
Andrzej Fober