Frau Else Scholz aus Trattlau ist 101 Jahre alt!

Es war ein frischer, aber sonniger Morgen, dieser 16. März, als ich nach dem nicht weit von Görlitz entfernt liegenden Trattlau aufbrach. Vor mir lagen ca. 170 km Fahrt, im Auto ein Blumenstrauß und eine Urkunde. Das Ziel der Reise war ein Besuch bei Else Scholz. Sie ist das älteste Mitglied unserer Gemeinde und kam in dem Jahr auf die Welt, in dem Deutsche und Franzosen um Verdun kämpften, Albert Einstein die allgemeine Relativitätstheorie publizierte, in welchem in München BMW gegründet wurde, Dänemark die Jungferninseln an die USA verkaufte und Kaiser Franz Joseph I von Österreich starb. Das war vor hundert und einem Jahr.

Die Lebensgeschichte von Else Scholz wurde nie weltweit bekannt; es ist keine einfache: es schien ihr oft die Sonne, aber es hat auch geregnet und gedonnert und sie musste dem starken Wind der Geschichte widerstehen. Jetzt lebt die alte Dame mit ihrer Tochter zusammen, kann sich noch ziemlich gut bewegen, sieht etwas schwach, hört aber noch gut und redet sehr deutlich.

Frau Scholz bot mir eine Tasse Kaffee an, Kuchen stand auf dem Tisch schon begannen wir uns zu unterhalten. Ich überreichte die Blumen mit den besten Segenswünschen im Namen der Gemeinde. In der Urkunde standen die Worte des Psalms 23, die wir dann gemeinsam langsam gelesen haben. Immer, wenn ich abfahre, steht Frau Scholz im Fenster, verabschiedet mich mit einem Lächeln und winkt.

Auf dem Rückweg nach Breslau besuchte ich Frau Rosemarie Kwaśnik in Reichenbach (Dzierżoniów). Sie ist das einzige Gemeindeglied in dieser Stadt. Schwester Lidia und ich fahren jeder einmal im Monat zu ihr. Weil wir in Schweidnitz keine Gottesdienste mehr haben, feiere ich diesen mit ihr zu Hause. Tief empfunden klingen immer die Worte während der Abendmahls-Liturgie Herr, ich bin nicht wert, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. So verwandelt sich Frau Kwaśniks bescheidene Wohnung ins wahren Tempel Gottes, in welchem wir seine Nähe spüren.

Alle Besuche und Hausgottesdienste feiere ich mit; ich esse und trinke dann Leib und Blut Christi mit unseren Gemeindegliedern, um die wahre Gemeinschaft mit ihnen zu erleben. Nicht so, dass ich nur komme und ich ihnen etwas schenke, wofür sie mir dankbar sein sollten. Wir alle sind reich beschenkt durch das heilige Sakrament und dadurch vereint mit Christus und allen Menschen in der Welt, die diese wundersame Speise empfangen.

Auch Frau Kwaśnik erwartete mich mit Kaffee und Kuchen, mit schönen Gesprächen und dem Austausch von Informationen. Sie bekommt immer elf Exemplare unseres Gemeindebriefs, die sie an ihre Bekannten in Deutschland versendet. Das ist eine finanzielle Leistung und Werbung, die nur schwer ihresgleichen findet. Zurück in Breslau erwartete mich zum Abschluss des Tages die Bibelstunde um 18.00 Uhr.