Erntedankfest

30.09.2018

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus C

Eingangslied EG 504 Himmel, Erde, Luft und Meer
Predigtlied EG 502 Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit
Nach Predigt EG 324  Ich singe dir mit Herz und Mund
Lied (Beichte) EG 235  O Herr, nimm unsre Schuld
Schlusslied EG 198 Herr, dein Wort, die edle Gabe

Hymne GG Ich bete an die Macht der Liebe

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Tomasz Kmita-Skarsgård, Musikdirektor u. Organist


1. Timoth. 4,1-5

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!

Falsche Enthaltsamkeit – so heißt der Überschrift des heutigen Predigttextes. Ich denke, dass klingt gut am Erntedankfest. Dieser Tag ist ein freudiger Tag. Wir möchten heute Gott danken, dass wir genug zum Essen haben. Wir möchten uns heute freuen und Gott danken dass wir auch die Speisen der anderen Völker schmecken dürfen.

Wer von uns hatte vor Jahren etwas von Sushi gehört? Und heute haben wir sicher über zwanzig Sushi Restaurants in Breslau. Ich habe es zwar noch nie probiert und werde es wahrscheinlich nie probieren, aber unsere Töchter ohne weiteres.

Früher gab es immer bestimmtes Obst und Gemüse zu den bestimmten Jahreszeiten. Die Orangen eigentlich nur zu Weihnachten. Es war irgendwie durch die Natur und die Eigenschaften der verschiedenen Gattungen von Obst und Gemüse geregelt. Heute dürfen wir fast das ganze Jahr einfach alles essen. Durch die Globalisierung ist es heute möglich das ganze Jahr hindurch die Orangen frisch zu kaufen. Wenn sie im Herbst nicht mehr in Spanien oder Portugal wachsen, kann man sie aus USA, Australien oder aus Marokko oder Ecuador holen.

Sehr entscheidend ist die schnelle Möglichkeit die Waren aus einer Ecke der Welt zu der anderen zu transportieren. Heute liest man die Weintrauben in Peru und zwei Tage später sind sie in Europa zu kaufen. Nicht nur die Waren bewegen sich schnell aber auch wir Menschen.

Als ich Kind war, eine Reise von Teschen nach Weichsel zu unserer Tante Mila, ca. 23 km, begann schon einen Tag vorher. Es wurde gepackt, überlegt was mitzunehmen war, weil es in der Stadt vieles zu kaufen gab, was in einem Dorf nie erschien. Am nächsten Tag gingen wir zum Busbahnhof, waren dort natürlich mindestens 30 Minuten vor der Zeit um die Fahrkarten zu kaufen – oft waren keine mehr da – und wir mussten mindesten 40 Minuten auf die nächste Verbindung warten.
Der Bus fuhr nach Weichsel gut 1 Stunde, weil der Kraftfahrer ca. 20-mal unterwegs anhalten musste um die neuen Reisenden mitzunehmen und auch die Fahrkarten zu verkaufen. In Weichsel angekommen mussten wir noch 30 Minuten zu Fuß gehen um das Haus der Tante zu erreichen. Heute steige ich in den Wagen und bin nach 17 Minuten da.

Warum erzähle ich es Ihnen das alles. Ich erzähle es Ihnen um festzustellen, dass durch diese schnelle Transportmöglichkeit unser Leben nicht so geheimnisvoll und zauberhaft ist wie früher. Man kann vieles heute sehr schnell haben oder sehr schnell besuchen. Und grob gesagt: alles was schnell kommt und schnell geht ist nicht mehr so interessant und spannend. Manchmal haben wir keine richtige Zeit nachzudenken, was wir erleben oder gesehen haben, weil wir schnell weiter müssen.

Und so verlieren wir etwas Mystisches und Geheimnisvolles und Unerklärliches was uns begleitete während der Kindheit, als wir zu Oma und Opa fuhren die hoch zwischen den Bergen wohnten. Heute wohnt niemand mehr dort, es kommen und gehen nur die Touristen.

Durch die Schnelligkeit des Lebens registrieren wir nicht ganz genau, was wir alles haben, und von wem wir das und jenes haben. Ist man Gott dankbar wenn man mit dem ICE 380 km pro Stunde fährt oder eher den Fachleuten von Siemens und Bosch?
Wie können wir Gott dankbar sein, wenn wir immer weniger mit ihm in unseren Leben verbinden. Wie kann man Gott danken, wenn wir nicht überzeugt sind, dass das und jenes aus seiner Hand kommt?

Wir sind immer mehr der Meinung, dass mehr und mehr Sachen von Menschen geschaffen wurden und deswegen sind wir Gott nicht mehr dafür dankbar, was wir alles haben. Weil vieles die Menschen geschaffen haben, ganz sicher nicht alles ist perfekt. Wie kann man dankbar sein für irgendetwas, was nicht perfekt ist? So einfach verlieren wir die klare alte Verbindung zwischen „bekommen“ und „danken“. Wenn so vieles von Menschen geschaffen sein soll, natürlich sagen uns die Menschen was gut oder nicht gut ist.

Der Mensch ist mehr und mehr der Herr über viele Dingen in unseren Leben und der Mensch hat mehr und mehr etwas zu sagen. Erst viel später, oft zu spät merken wir, dass der Mensch nicht auf unsere Dankbarkeit wartet. Nein, der Mensch wartet auf unseren Gehorsam oder unsere Angst.

Deswegen hören wir jeden Tag nicht einmal im Fernsehen, im Radio oder lesen wir in der Zeitung was für uns gut ist und was nicht. Was uns glücklich machen kann, eine gelungene Ehe garantieren kann, oder dass die Kinder Erfolg in der Arbeit erreichen.

Aber wir möchten heute in der Kirche doch uns nicht erschrecken mit dem was der Mensch uns heute sagt. Vielmehr wollen wir heute das Wort Gottes hören, das einen dicken Stricht durch das macht, was früher gesagt worden ist: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet“.

Liebe Gemeinde, nehmen Sie aus dem Gottesdienst mindestens diese Zwei Worte: Wort Gottes und Gebet.

Amen!