10. Sonntag nach Trinitatis

5.08.2018

Breslau, St. Christophori-Kirche, 10:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst
Liegnitz, Liebfrauenkirche, 13:00 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

EG – Evangelisches Gesangbuch
GG – Gemeinde-Gebetbuch

Ordinarium GG Zyklus B

Eingangslied EG 159 Fröhlich wir nun all fangen an
Predigtlied EG 146 Nimm von uns, Herr, du treuer Gott
Nach Predigt Orgelmeditation
Lied (Beichte) EG 395  Vertraut den neuen Wegen
Schlusslied EG 163 Unsern Ausgang

Hymne GG Ich bete an die Macht der Liebe

Zelebrant:
Pfr. Andrzej Fober, Propst

Orgel:
Artur Piwkowski,  Sub-Organist


Jesaja 62, 6-12

Israelsonntag

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder

„Ein Volk ohne Vision geht zugrunde”, heißt es in den Sprüchen Salomos (29,18). Martin Buber spricht: „Wo keine Vision ist, da wird das Volk wild und wüst; wohl aber dem, der sich an die Tora, die Weisung zum Leben, hält”. Sehr schön hat es Antoine de Saint-Exupery auf den Punkt gebracht: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer”. Wenn man einen Chor gründen möchte, da soll man nicht viel erzählen wie lange sollen die Übungen dauern, wie schnell man die Noten a vista lesen soll, sondern man soll die zukünftigen Mitglieder mit einer Vision von schönen Konzerten begeistern, mit der Vision der Freude am Singen, vollen Musikhäusern, mit Besuchen von interessanten Orten und wunderschönen Kirchen. „Die große Wandlung” steht in der Bibel über dem Abschnitt aus dem Jesajabuch, der als Predigttext heute gilt. Der ganze Text ist eine Vision, die sich nicht irgendwann realisieren sollte, sondern bald. Sie ist um die Ecke. Diese Vision stellt eine Zukunft dar, die sicher kommt, weil Gott der Initiator ist. Gott hat die Welt und uns geschaffen und er will die heile Welt. Die heile Welt in der biblischen Sprache bedeutet ge-heilte Welt. Die Welt, in der wir leben ist noch nicht geheilt, deswegen ist sie auch keine heile Welt. Deswegen brauchen wir immer wieder die Polizei, Soldaten, Richter und Gerichte. Es sind keine ideale Lösungen, aber wie sollen wir uns vor dem Bösen verteidigen? Diese Welt, die sich uns so drastisch unheilig, böse, kaputt zeigt, sie könnte jemals geheilt und gesund werden. Gott will diese Welt. Er lässt sich von ihr nicht scheiden, und er will alles tun, dass sie heil wird. Was haben wir mit der Vision zu tun. Die Überschrift des Textes heißt „ Die zukünftige Herrlichkeit Zions”. Von der Stadt Jerusalem ist die Rede hier. Aber wir wohnen nicht in Jerusalem, sonder in Breslau. Sie dagegen in Dresden, Gotha, Erzgebirge usw. Natürlich, soll man nicht vergessen, Breslau, Jerusalem, Dresden, Warschau, Coventry, Hiroschima, Berlin usw. haben doch etwas Gemeinsames. Es ist die Zerstörung im Krieg und der Aufbau nachher. In vielen solchen Orten wurde nach dem Krieg die Frage gestellt: lohnt es sich noch die Stadt aufzubauen? So eine Frage war auch dieser Kirche gestellt. Soll man die kleine, 70 oder sogar 80% zerstörte Kirche aufbauen? Die Kirche lebt, weil Gott lebendig ist. Die Gemeinde in dieser Kirche lebt, weil das Wort Gottes lebendig ist und in dieser Kirche gepredigt wird. Sie bekommen heute die neue Ausgabe der Zeitschrift unserer Gemeinde in die Hand. Mit dabei ist eine Postkarte, die wir vor ein paar Monaten entworfen haben. Damals und heute. So war die Kirche nach dem Krieg zu sehen, so sieht sie heute aus. Ich muss ihnen auch sagen, dass das Bild unten nicht mehr aktuell ist. Das erste Fenster von rechts ist auch schon neu, im Moment natürlich nur das Maßwerk, das Bleiglas ist im Werden. Es gibt die Zeit des Krieges aber auch des Friedens. Es gibt die Zeit in der es zerstört wurde, aber auch eine Zeit des Aufbaus. Die Vision, die wir bei Jesaja, heute, wie jedes Jahr, am Israelsonntag der Evangelischen Kirche finden, dürfen wir auch auf uns beziehen. Durch Jesus Christus sind wir, Christen, ein neues Jerusalem. Die Stadt bilden nicht nur die Häuser, Strassen und Parks, sondern vor allem die Menschen. Wenn die Menschen eine Stadt verlasen, wird es bald eine Wüste. Immer wieder finden wir im Alten Testament dieses starke Bild, vielen von uns nicht fremd: die Menschen verlassen ihre Stadt und sie liegt brach und wüst. Die Wüste bleibt so lange bis wieder jemand kommt und sie aufbaut. Wir sind durch die Taufe ein neues Volk Gottes und viele Worte aus dem Alten Testament, die eigentlich dem Volk Israel galten, dürfen wir auch wahrnehmen. Das verbindet uns mit dem Volk Israel und die Geschichte dieses Volkes soll uns nicht fremd sein. Keine Geschichte irgendeinen Volkes soll uns fremd sein, weil wir alle auf Erden wohnen, die Gott geschaffen hat. Wir tragen auch die Verantwortung, man kann es auch Verpflichtung nennen, für das Volk Israel beten, dem Volk gute Gedanken spenden. Dieses Volk hat uns Jesus Christus und die ganze Heilige Familie geschenkt. Wenn wir uns dann mit dem Volk identifizieren werden, weil die Wurzeln des Glaubens auf den Hügeln von Jerusalem ruhen, so dürfen wir auch die Worte der zukünftigen Herrlichkeit Zions auf uns beziehen. Warum sollen wir uns so sehr um die Zukunft der Kirche in Europa kümmern? Haben wir nicht schon einmal erfahren, dass die Kalkulation in der einen oder anderen Sache falsch war. Der Herr hat geschworen. Jesus hat gesagt, dass die Pforte der Hölle seine Kirche nicht überwinden wird. Unter einer Bedingung: Wenn wir sein Wort so predigen, wie die Wächter in Jerusalem Tag und Nacht nicht mehr geschwiegen haben. Das Wort Gottes , in seiner Kirche, in seinem Volk, macht alles möglich, was wir brauchen. Weil Gott es gesagt hat. „Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg. Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg. Richtet ein Zeichen auf für die Völker!”

Amen!

Pfr. Andrzej Fober,
Propst