Osternacht 2018

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Tomasz Kmita-Skarsgård

Es besteht kein Zweifel, dass die Nacht der Auferstehung – neben dem Kreuzopfer am Karfreitag – die Achse der ganzen Erlösungsgeschichte ist. Diese Feier bildet das Zentrum des christlichen liturgischen Kalenders.
Seit der Antike zelebrierte man die groβen Feiern in der Nacht. Die Feierlichkeiten begannen am Abend. So wurden Weihnachten, Auferstehung, Christi Himmelfahrt und Pfingsten begangen. In der polnischen Kultur ist der Heilige Abend am stärksten betont der, traditionell bis heute, sowohl zu Hause (Weihnachtsmahl), als auch in der Kirche (Weihnachtsmesse,) gefeiert wird. Im Verlauf der Geschichte wurden jedoch die Abende der Auferstehung und von Pfingsten ganz vergessen (obwohl es heute Zentren gibt, die sie wieder aufleben lassen) und die Feierlichkeiten zur Osternacht begann man (sowohl in unserer als auch in der römisch-katholischen Kirche) am frühen Morgen zu zelebrieren, und zwar während der sogenannten Frühmette (die evangelische Kirche) oder der Resurrektion (die römisch-katholische Kirche). Es ist heute schwer, eindeutig festzustellen, warum das so passierte. Vielleicht sprach ganz einfach die Bequemlichkeit der Gläubigen für diese Lösung. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Weg zur Kirche nicht immer kurz und sicher war. Man muss aber anmerken, dass diese Änderung im Widerspruch zum richtigen – dh. gemäβ der altchristlichen Wahrnehmung und Symbolik – Begehen der Heiligen Nacht stand. Erstens hatten und haben alle oben genannten Vorabende den Charakter der Erwartung. Das Ausschlieβen von diesem Element der Frömmigkeit – der geistigen Vorbereitung, des Nachdenkens über die Genese, den Sinn und die Folgen von gewissen Handlungen Gottes – führt dazu, dass das Erleben des Geheimnisses der Erlösung an seiner Bedeutung verliert. Zweitens wurde die Symbolik verzerrt, die nicht die Konfessionssache, sondern ganz einfach die menschliche Sache ist und die in unserem Leben eine groβe Rolle spielt. Wenn die Bibel von der Nacht berichtet, in der unser Herr und Erlöser den Tod überwindet und von den Toten aufersteht, dann meint sie in der Tat die Nacht. Am Morgen ist das Grab schon leer und ganz andere Ereignisse finden statt. Daher – was bereits die Altchristen spürten – erforderte die Authentizität der Feierlichkeit, dass sie in der Nacht stattfand, und nicht sozusagen im Nachhinein.
Es ist bemerkenswert, dass das Problem mit dem falschen Begehen der Osternacht (auf der liturgisch-historischen Ebene, denn eine andere Ebene dürfen wir nicht beurteilen) nicht nur unsere Kirche betrifft. In der römisch-katholischen Kirche, die uns in liturgischer Hinsicht am nächsten steht, versuchte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) die Sache der Osternacht zu regeln. In diesem Kontext muss man betonen, dass in Polen die Feierlichkeiten zur Auferstehung erst Anfang des 21. Jahrhunderts (sic!) ganz wiederhergestellt wurden. Die Bischöfe einiger Diözesen mussten spezielle Anordnungen erlassen, die die Organisation der Osternacht und die Abschaffung der Resurrektion am Morgen erlaubten. So stark war nämlich die Missachtung der Sache und die Bindung an die verzerrte und schlecht begriffene Tradition unter den Pfarrern einzelner Pfarrgemeinden.
In unserer Landeskirche wurden in diesem Bereich keine Schritte unternommen. Es ist schwer, die Gründe dafür eindeutig festzulegen. Man kann aber bemerken, dass die Liturgie in der polnischen evangelischen Kirche ein Nischenthema ist, was gewisse Folgen hat. Ich möchte aber dieses Problem hier nicht weiter erörtern. Ich glaube aber, dass unsere Kirche die Menschen mit unterschiedlicher Sensibilität und unterschiedlicher Wahrnehmung versammeln kann. Was uns bleibt, ist, die Menschen, die vielleicht eine andere Sicht auf die Sache der Liturgie und eine andere Sensibilität auf diesem Gebiet repräsentieren, zu bitten, unsere Meinungen und Ideen zu respektieren. Nichts soll uns hindern, uns gegenseitig mit gebührender Achtung entgegenzutreten.
Der von uns gebrauchte Ritus der Osternacht unterscheidet sich stark von den Ordnungen, die in in den gegenwärtigen, evangelischen, deutschen Agenden präsentiert werden. Er steht der Ordnung näher, die heute für die Kirche in England typisch ist. Er basiert nämlich – gemäβ unserer Absichten – auf der Liturgie, die den Zeiten der Reformation am nächsten steht und die für die damals noch ungeteilte Westliche Kirche verbindlich war (man muss aber dabei bemerken, dass die römisch-katholische Kirche während des Zweiten Vatikanischen Konzils die Liturgie der Osternacht wesentlich änderte und die evangelische Kirche in Deutschland diesen neuen Ritus angenommen hat). Er wurde um die typisch evangelischen Eigenschaften bereichert, etwa um viele Lieder der Gemeinde. Abgeschafft wurden selbstverständlich alle Elemente, die mit der evangelischen Theologie und Liturgie nicht übereinstimmten, wie etwa Allerheiligenlitanei, Weihung des Wassers und die Einweihung der Kirche mit dem Weihwasser o.Ä. All das, was mit der Reformationslehre und mit der gegenwärtigen evangelischen Auslegung übereinstimmend war, wurde bewahrt – als Schatztruhe der Geschichte und des Erbes der Allgemeinen Kirche, zu der wir alle gehören. Gewisse Elemente, die in einigen Richtungen des Luthertums vertreten sind und in einigen nicht, wie zum Beispiel der Weihrauch, wurden als fakultative Elemente betrachtet.
Gleichzeitig muss man aber bemerken, dass es nicht möglich ist, alle Änderungen abzulehnen, die in die Zeremonie der Osternacht im 20. Jahrhundert eingeführt wurden. Es gab diese sowohl in der evangelischen Kirche, in der anglikanischen Kirche, als auch in der römisch-katholischen Kirche. Man kann also den Urhebern dieser Änderungen – zumindest aus der Perspektive der Statistik – weder schlechten Willen noch Unwissen vorwerfen. Es scheint, dass verschiedene Konzepte ihre Anhänger gewannen und bis heute gewinnen und jede Seite ihre Argumente hat, zumal die Osternacht in den einzelnen Gemeinden und in den einzelnen Regionen durch die Jahrhunderte durchaus verschiedene Formen angenommen hatte.
Die für unsere Gemeinde vorbereitete Ordnung der Osternacht korrespondiert in ihrer Form mit ihrem Vorbild aus dem 16. Jahrhundert; die Durchführung beruht auf das aus vier Elementen bestehende Konzept der Liturgie der Osternacht, in dem die einzelnen Teile deutlich voneinander getrennt sind und nacheinander gefeiert werden. Diese vier Elemente sind folgende: Die Liturgie des Lichtes, die Liturgie des Wortes, die Liturgie der Taufe und die Liturgie der Eucharistie.
An dieser Stelle möchte ich unsere große Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass es uns gelang, in diesem Jahr zum ersten Mal in Polen (im Grunde genommen weiss man nicht, seit wann) die evangelische Osternacht zu organisieren, wie auch darüber, dass so viele Menschen daran teilnahmen. Es bleibt die Hoffnung, dass man diese Liturgie in den nächsten Jahren und in weiteren polnischen Gemeinden zelebrieren wird, so dass ihr , der Rang, der ihr zusteht, im liturgischen Kalender der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in der Republik Polen wiederhergestellt wird.
Zum Schluss möchte ich einen Dank an diejenigen aussprechen, die sich an der Organisation der Liturgie beteiligten: An Marcin Pawlas und an Łukasz Cieślak aus der Kirche der Göttlichen Vorsehung, wie auch an alle, die dem Gottesdienst zur Osternacht beiwohnten.