Geschichte und Kulturerbe

Dies sind die Anfänge unserer Gemeinde

DIE GESCHICHTE DER ST. CHRISTOPHORI-KIRCHE

Der Beginn

 

Die erste Erwähnung der dem gegenwärtigen gotischen Sakralbau vorangegangenen Kirche stammt aus dem Jahr 1267 und findet sich in der Donationsurkunde Wladislaw von Schlesiens, Erzbischof von Salzburg und ab 1268 Administrator von Breslau.

Die Kirche trug den Namen Hl. Maria von Ägypten und befand sich außerhalb des damaligen Stadtgebiets, außerhalb des Stadtgrabens und der Befestigungsmauern, südwestlich des späteren Ohlauer Tors.

Vermutlich wurde die Kirche jedoch schon einige Jahrzehnte zuvor gegründet; es ist anzunehmen, dass sie gleichzeitig mit anderen Kirchen, u.a. St. Adalbert, St. Maria Magdalena und St. Mauritius entstanden ist, also noch in der Zeit vor dem Landausbau Breslaus.

Die Weihe der Maria von Ägypten, einer Büßerin, war in Polen sehr selten bei mittelalterlichen Patronaten anzutreffen – neben der Breslauer Kirche fand noch eine Kapelle auf dem Hügel des Wawel genannt.

Die Kürschner

 

Im Jahr 1291 wurde das Wasser der Ohle in den inneren Graben rund um die Stadt geleitet, was ihren Nutzwert steigerte; entlang ihres Verlaufs wurden Mühlen und andere Einrichtungen errichtet, die fließendes Wasser benötigen, u. a. Gerbereien.

Diese Tatsache lässt vielleicht leichter verstehen, welche Rolle im Leben unserer Kirche die Kürschner gespielt haben; ab dem 14. Jh. werden deren Stiftungen immer häufiger verzeichnet: die erste Quelle berichtet von einer Stiftung im Jahre 1343 in Höhe von 70 Mark zum Bau eines Altars, der in Zukunft Altar unter dem Patronat der Zunft sein sollte.

1416 stiftet der Kürschner Gregor Deutschländer der Kirche jährlich 12 Mark um einen Pfarrer zu unterhalten, der die Polnische und Deutsche Sprache beherrscht. Diese Tatsache belegt, dass die Kirche auch für die Seelsorge der polnischsprachigen Gemeinschaft zuständig war, ebenfalls Handwerker, die diesen Teil der Stadt im Umfeld der Ohlauer Straße bewohnten, der in den ältesten Rechnungsbüchern der Stadt Breslau quartale pellificum genannt wird.

Eine neue Kirche

 

Um die Wende vom 14. zum 15. Jh. wird die heutige, gotische Kirche gebaut. Wir kennen den Namen des Erbauers der Gewölbe, Meister Heinrich Frankenstein, mit dem 1409 ein Vertrag über die Ausführung dieser Arbeiten unterzeichnet wurde. Es ist anzunehmen, dass die Kirche bereits im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in vollem Umfang, jedoch ohne die späteren Anbauten und den erst 1461 fertiggestellten Turm, genutzt wurde. Es handelt sich um einen einschiffigen Bau mit drei abgestützten Jochen und einem Altarraum, der durch eine scharfbögige Regenbogenarkade abgetrennt wird und der fünfseitig abgeschlossen ist. Das Gewölbe ist im Kirchenschiff netzartig (in Schlesien selten) und im Altarraum kreuz- und rippenförmig. Die Fenster sind beidseitig ausgeschrägt mit Maßwerk (welches nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederhergestellt wurde). Der Turm (1575 erhöht, 1698 Aufbau eines barocken Helms) wird durch Gesimse unterteilt, ist vierstöckig und von Nordwesten an die Kirche angebaut. Die Kirche hat ein Satteldach.

EINE KIRCHE FÜR MINDERHEITEN

Bis 1945 versammelten sich in der Kirche in Breslau lebende Polen – heute beten hier in Breslau und Umgebung wohnende Deutsche.

Die Reformation

 

Die Die Reformation trat in Breslau sehr früh auf: den ersten lutherischen Gottesdienst hielt Johann Hess in der Stadthauptkirche St. Maria Magdalena, der St. Christophori als Filialkirche untergeordnet war.

So wie andere lutherische Kirchen, wurde auch unsere an die neuen liturgischen und seelsorgerischen Anforderungen angepasst, also das Innere im Hinblick auf Funktionalität umgestaltet. Kurz nach 1600 wurde im Kirchenschiff eine Empore errichtet, die auf sechs hölzernen, mit Zopfgeflecht verzierten Säulen ruhte. Anfangs diente ein hölzerner Stuhl als Kanzel, der sog. Predigerstuhl, im 17. Jh. jedoch durch eine richtige Kanzel ersetzt, die an der Wand neben der Regenbogenöffnung auf der Nordseite angebracht wurde; in ihren Feldern waren die vier Evangelisten mit ihren Attributen und die Taufe Jesu im Jordan dargestellt und auf dem Gewölbe des Baldachins die Taube, das Symbol des Heiligen Geistes; darüber Engel, die ein Arma-Christi-Kreuz halten und als oberster Abschluss der Auferstandene Christus. Im Presbyterium wurde ein Taufbecken aufgestellt; von 1765 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war dies ein bescheidenes barockes Taufbecken mit Polychromie.

Auf dem Regenbogenbalken hat sich ein gotisches, hölzernes Kruzifix vom Ende des 14. Jahrhunderts erhalten und in der Nähe des Regenbogens stand eine Figur des Christus-Schmerzensmann.

Die Seelsorge

 

Die Seelsorge der Kirche umfasste von Anfang an in hohem Maße die polnischsprachige Bevölkerung. Dies bestätigt die bereits erwähnte Stiftung aus dem Jahr 1416 sowie die frühere Erwähnung in einer Quelle von 1411, die den hier ansässigen polnischen Prediger Mikołaj Zedlitz erwähnt sowie spätere, über einen langen Zeitraum konstante Tatsachen, wie die in den Inventarlisten der Kirche von 1688 und 1755 aufgeführten Buchbestände von Bibeln, Katechismen und Gesangbücher in polnischer Sprache. In der Kirche waren so verdiente und bekannte evangelische Seelsorger tätig wie Mikołaj Siderius aus der Gegend Lublin, der zweite polnischsprachige Seelsorger nach Michał Bucek (1550-1560), welcher zahlreiche polnische Bücher für die Kirch-Bibliothek erwarb; Michael Kush (Kusz) (ca. 1600-1654), Autor eines deutsch-polnisch-lateinischen Wörterbuchs (1646); Paweł Twardy (1737-1807) aus dem Teschener Land, Herausgeber der „Postille des S. Dambrowski”, der „Gebete für Gottesdienste eines Christen”. Gottesdienste und Predigten in polnischer Sprache fanden hier fast bis zum Ende des 19. Jahrhunderts statt.

Zerstörung und Wiederaufbau

 

1945 wurde die Kirche zu 75% zerstört und von der alten Ausstattung blieb so gut wie nichts erhalten. Die Kirche wurde wiederaufgebaut, was sich bis in die 1970er Jahre hinzog.

In die regotisierte, vom Putz befreite Kirche wurde ein aus der evangelischen Kirche in Massel bei Trebnitz aus dem 16. Jahrhundert stammendes (nach 1592 anfertigtes) Triptychon gebracht. Im Altarschrank ist die Kreuzigung Christi mit Jerusalem im Hintergrund dargestellt, unter dem Kreuz auf der linken Seite Gestalten des Alten Testaments: Moses und David und auf der gegenüberliegenden Seite die Heiligen Paulus und Johannes der Täufer. Den krönenden Abschluss des Altars bildet der Auferstandene Christus; in den geöffneten Flügeln sehen wir Flachbildskulpturen der vier Evangelisten, die von Sentenzen aus den vier Evangelien begleitet werden; auf die Rückseite sind vier Szenen gemalt. Aus der Kapelle von Schlegel bei Neurode wurden die Kanzel, Bänke, der Taufstein und die Orgel nach St. Christophori gebracht und aufgestellt.

Gegenwärtig finden in der St. Christophori-Kirche, die über lange Zeit der polnischen Minderheit diente, Gottesdienste für die Menschen aus Breslau und Niederschlesien statt, deren Muttersprache Deutsch ist.

Der Altar der St. Christophori-Kirche

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Die mittelalterliche St. Christophori-Kirche in Breslau, die an der Grenze zur Altstadt und ein wenig am Rande der meistbesuchten Touristenrouten liegt, verbirgt hinter ihren alten Mauern ein ungewöhnliches und sehr wertvolles Kunstwerk. Es handelt sich um einen manieristischen Holzaltar, der aus der kleinen Dorfkirche der Heiligen Mutter Gottes der Unablässigen Hilfe (früher zur Heiligen Dreifaltigkeit) in Massel bei Trebnitz stammt. Dieses Meisterwerk schlesischer Schnitzkunst fand 1957 seine sichere Zuflucht in der Hauptstadt Niederschlesiens, in der lutherischen Kirche des Hl. Christophorus.

Und tatsächlich kann man sich keinen besseren Ausstellungsort vorstellen: dieses, wahrscheinlich von einem Breslauer Holzschnitzer in den Jahren 1591/1592 angefertigte Triptychon, stellt die Quintessenz des lutherischen Bekenntnisses dar. Nirgendwo in Schlesien finden wir eine so plastische Darstellung der konfessionellen Identität der Schüler und Nachfolger des Dr. Martin Luther.

Das Zentrum des Altars bildet eine Szene der „Allegorischen Kreuzigung“, in deren Darstellung die Figur des gekreuzigten Christus von einer Gruppe begleitet wird: Moses und David auf der einen, der Apostel Paulus und Johannes der Täufer auf der anderen Seite des Kreuzes. Sie sind hier die Zeugen und Fürsprecher des Opfertodes des Gottessohnes. Weitere neutestamentarische Gestalten, welche „die Wahrheit über das Leiden des Erlösers“ bezeugen, sind die Evangelisten; ihre Büsten wurden in den Abteilungen auf der Vorderseite der Altarflügel angebracht. Auf deren Rückseite finden sich die gemalte Darstellungen „Die Vision des Ezechiel“, „Das Opfer des Abraham“ sowie „Das Jüngste Gericht“ und  „Das Tragen des Kreuzes“. Die nicht beweglichen Außenflügel des Altars bergen gemalte Medaillons, die die personifizierten Tugenden des Glaubens und der Barmherzigkeit darstellen. Der zentrale Teil des Altars, der von oben abgeschlossen ist, ist ein vorspringender Sims; alles wird gekrönt von einer Figur des Auferstandenen Christus. Weiter unten, auf  einem Fries des Gebälks, ist eine Inschrift mit einem Fragment des Evangeliums nach Matthäus (Mat. 28,20) zu lesen.

Der Altar zeichnet sich durch die Vielfalt der ihn schmückenden manieristischen Ornamente aus.

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Im Teil der Predella findet sich eine rechteckige Nische, in der sich einstmals eine Reliefdarstellung der Szene des Letzten Abendmahls befand. Heute fehlen zahlreiche ergänzende Elemente v.a. der ikonographischen Darstellung im zentralen Teil und der Krönung der Altarretabel: den Pelikan, der seine Jungen füttert, gibt es nicht mehr (im Hintergrund rechts), ebenso wenig den Phönix, der aus der Asche steigt (im Hintergrund links), die Szene der Erhöhung der Kupferschlange (links vom Kreuz) sowie die Tafeln mit den Inschriften, die von David und dem Heiligen Paulus gehalten wurden; unter dem Kreuz fehlt die Glucke, die mit den Flügeln ihre Küken bedeckt. In der Vergangenheit gab es seitlich der Figur des Auferstandenen Christus, der früher nicht wie heute ein Kreuz hält, sondern die Fahne der Auferstehung, noch zwei Engelsskulpturen.

Vorbild für die im zentralen Teil der Altarretabel angebrachte „Allegorische Kreuzigung“ war ein Kupferstich von ca. 1570, anfertigt von Hieronymus Wierix nach Krispinus van den Broecke. Bisher ist dies die einzige grafische Vorlage, die sich ermitteln ließ. Auch für die Arbeiten der folgenden Darstellungen wurden grafische Vorlagen genutzt: 1) die vier Evangelisten auf der Außenseite der Altarflügel 2) die malerischen Darstellungen der Tugenden „Barmherzigkeit” und „Glaube” in den schrägen Seitenflügeln [Vorlage waren Grafiken von ca. 1590, angefertigt von Jacob Matham nach Hendrick Goltzius] 3) die vier Bilder auf den Vorderseiten der Altarflügel „Die Vision des Ezechiel” [Vorlage war der Kupferstich von Johann I Sadeler nach Maarten de Vos; die Grafik gehört zu der Serie „XII. Fidei Apostolici Symbola Iconibvs Artificiosiss ab Thomas de Leu in lucem edite.”]; „Das Jüngste Gericht” nach einer Grafik von Johann I Sadeler nach Christoph Schwartz von ca. 1590; „Das Tragen des Kreuzes”, dessen Vorlage die Grafik des Aegidius Sadeler von 1590 r. nach Hans von Aachen bildete [Kupferstich aus 13 Grafiken der Serie „Salus Gerneris Humani”]; „Das Opfer des Abraham”, dem als indirekte Vorlage ein Stich von Crispinus de Passe nach Maarten de Vos diente.

Diese Gesamtkomposition aus Bildhauerei und Malerei diente der Unterstreichung der herausragenden Rolle des Christus im Hinblick auf die Erlösung; er ist als Messias dargestellt, von dem die Propheten geschrieben und dessen Worte die Evangelisten und der Apostel Paulus überliefert haben. Darüber hinaus war sie auch eine „Unterweisung über das Wesen des Opfertodes Christi, welcher die Quelle von Gnade und die Zusicherung des ewigen Lebens darstellt“.

Dr. habil. Piotr Oszczanowski,
Institut für Kunstgeschichte der Universität Breslau

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